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Donnerstag, 10. April 2014

Kessab, Rojava, Syriens Armenier und Kurden – Als Raniah Salloum das „Daily Beast“ in den Spiegel brachte

Bezug nehmend auf unter nachstehendem Link abrufbaren Artikel von Raniah Salloum, Auslandsredakteurin bei „Spiegel Online“, muss einiges ergänzend angemerkt werden, um diesen einordnen zu können.
"Raniah Salloum: Assads zynisches Spiel mit dem Trauma der Armenier"

Kontakte zu Washingtoner Hochschullehrer und Publizisten mit wenig Sympathie für Kurden und Armenier

Seit einiger Zeit versucht sich Salloum für einen völkerrechtlich fragwürdigen Militärschlag gegen Syrien à la „Bomben auf Belgrad“ oder einer False Flag Operation wie im Irak stark zu machen.
Wer sie googelt, stößt zunächst auf einige ihrer Syrienartikel, bevor es dann von ganz viel Kritik wimmelt.
U.a. in diesem schiitischen Forum wird einer ihrer Artikel auseinandergenommen. Die Kritikpunkte werden zumeist ironisch abgehandelt. Das geschieht aus gutem Grund, finden sich darin viele schlecht recherchierte oder fragwürdige Darstellungen.
Shia-Forum

Auch ich möchte diesen Artikel aufgreifen, da er nicht nur exemplarisch für Salloums Schaffen angesehen werden kann, sondern auch eine interessant Verbindung offenbart. Ihre Behauptung, ich zitiere wörtlich „Die PKK ist ein Verbündeter des Assad-Regimes“, ist für eine Analyse ihres Stils, ihrer Intentionen und eine später folgende Überleitung zu ihrem jüngst veröffentlichten Beitrag sehr ergiebig.

1.) Richtig wäre in Syrien von der YPG zu sprechen. Man kann davon ausgehen, dass Salloum sich darüber durchaus im Klaren ist, aber mit voller Absicht von der PKK spricht das Schreckgespenst von „bösen Terroristen“ beschwören zu können.

2.) Die kurdische YPG musste und muss sich vorwiegend gegen die von Salloum leitmotivartig in allen ihren Artikeln notorisch verharmlosten Milizen der u.a. Al Nusra und ISIS, die im August 2013 in Rojava ein verheerendes Massaker an 300 kurdischen Zivilisten begangen, zur Wehr setzen. Keinesfalls aber sind sie mit der Armee Assads verbündet oder waren es jemals.
Dazu: Frankfurter Rundschau: Kurden in Syrien - Die Frau, die Al-Kaida das Fürchten lehrt

3.) Woher der Wind weht, wird klar, als sie direkt im Anschluss Soner Çağaptay zitiert. Er ist Leiter des Turkish Research Program des Washington Institute for Near East Policy, der auch gelegentlich für die Washington Post, die Hürriyet, The Atlantic u.a. schreibt. Einen von ihm verfassten Artikel über die Lage der Kurden im Nahen Osten zu finden, in dem nicht die Worte „Terror“ und „PKK“ vorkommen, ist nahezu unmöglich. In Bezug auf die u.a. im EU-Fortschrittsbericht 2012 lobend erwähnten Reformen zur Verwendung kurdischer Sprache, die parteilichen Aktivitäten der BDP sowie Bestrebungen nach Gleichstellung kurdisch kulturellen Brauchtums, also die Realisierung von Menschrechten erster Dimension, spricht er fortwährend von kurdischem Nationalismus und unterstellt notorisch PKK-Verbindungen. Gerade in den USA, wo de facto kein Hintergrundwissen über die Geschichte staatlicher Repressionen gegenüber kurdischem Brauchtum, kurdischer Sprache, allgemein kurdischer kultureller Identität geschweige denn über die sozialistische Programmatik ihrer Freiheitsbewegung besteht, zeigt die Suggestion „Kurden=PKK=Schreckgespenst Terrorismus“ leider häufig die gewünschte Wirkung.
So ist es auch wenig verwunderlich, dass er im Zuge im US-Repräsentantenhaus eingehender Anträge zur Anerkennung des durch den vom osmanischen Reich verübten Genozid von 1912-1922, bereits am 22. Februar 2007 für die Washington Post einen Artikel mit dem Titel „Armenian Genocide Folly“ (Armenier-Völkermord-Dummheiten) verfasste.
Der offenkundig neoliberale Çağaptay geht darin ebenso wie in der Stigmatisierung der kurdischen Gleichstellung und systematischen Ausblendung von völkerrechtlich relevanten Minderheitenrechten taktisch sehr klug vor. Anstatt sich in historischer Falsifikation zu üben, spielt er die Bedeutung der Thematik bei gleichzeitiger Überhöhung der türkischen Wirtschaftsstärke herunter und betont wortwörtlich „katastrophale“ wirtschaftliche Negativauswirkurgen auf die US-Ökonomie, die er mit einer Armada von nicht überprüfbaren Zahlen gekonnt untermauert, und zeichnet Szenarien von der Schließung der türkischen US-Militärstützpunkte und daraus resultierenden Auswirkungen auf die Irakpolitik. Damit trifft er, dass muss man leider sagen, bei der einflussreichen US-Waffen-, Öl- und Schwerindustrielobby einen sensiblen Nerv.
Taktisch geht er klug vor. Moralisch jedoch ist allein schon durch die Überschrift, in der die parlamentarische Thematisierung eines der grausamsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit des letzten Jahrhunderts als „Dummheit“ oder anders übersetzt „Narretei“, ein Hohn gegenüber völkerrechtlichen Prinzipien.
Die Botschaft seines Artikels lautet: „Kümmert Euch nicht um Menschrechte und Armenier, kümmert Euch um Cash!“ und kommt an…
Am 23. Oktober desselben Jahres legte Çağaptay auf seiner Homepage nach und stellte Verbindungen zwischen der Genozid-Debatte in den USA sowie gleichzeitigen Gefechten der türkischen Armee mit kurdischen Guerillas an der irakischen Grenze her. Dabei betonte er die Negativauswirkungen auf die US-Reputation in der Türkei sowie warnte vor Aufkündigung militärischer Kooperation in Afghanistan. Geschickt bringt er dabei den Wunsch nach Anerkennung historischer Tatsachen damit in Verbindung, was er unter Terrorismus versteht. Dabei spricht er dieselbe Klientel an wie bereits erwähnt.

Soner Çağaptay wird nicht nur in Salloums Artikeln erstaunlich häufig zitiert, auch finden sich seine Ansichten oft auf äquivalente Art und Weise wieder.
Bloß ist Deutschland nicht mit den USA gleichzusetzen. Die Lobbys, die Çağaptay in seinen Artikeln anspricht, haben lange nicht dieselbe Macht und generell besteht durch eine andere Einwanderungsstruktur, in der sich alle Ethnien und Konfessionen aus dem Nahen Osten auf geografisch engerem Raum wieder finden, eine größere Diversität an Meinungen. Damit verbunden ist auch eine gesunde Skepsis gegenüber solchen Artikeln wie den vorliegenden.


Kim Kardashian passt Raniah Salloum besser als Cher oder Serj Tankian

Bezeichnend ist zudem ihr zentraler Absatz, den sie „Die Kardashians verbreiten auf Twitter Regime-Propaganda“ nennt.
Salloum stellt hier die „#savekessab – Aktion“ in den Social Media so dar, als sei sie eine Idee und Initiative der armenischstämmigen, vereinfacht gesagt US-Hardcore-Version von Daniela Katzenberger, Kim Kardashian, dar. Wer diese Social-Media-Kampagne tatsächlich startete, ist unklar und dürfte in den Wirren des WWW auch nicht mehr recherchierbar sein. Vom Web auf die Straße kam sie jedenfalls auf Initiative armenischer Organisationen, wie z.B. der ANCA in den USA oder der CCAF in Frankreich, deren Mitglieder nicht selten Familienangehörige in Nordsyrien haben oder hatten, weil sie vor Al Nusra, ISIS und Co. geflohen sind. Teilnehmern der Aktion, die aus Sorge um ihre Verwandten und Landsleute daran teilnehmen „Regime-Propaganda“ zu unterstellen, ist nur eine von vielen haltlosen Behauptungen, die Salloum bei ihren Syrienartikeln ein ums andere Mal einstreut. Auch stimmt es nicht, wenn sie schreibt, Proteste haben nur in den USA stattgefunden. Sie fanden des Weiteren in Kanada, Australien, Armenien, Frankreich und am vergangenen Wochenende in Köln, Düsseldorf und Hamburg statt.
Unbedingt, muss erwähnt werden, dass die Überschrift dieses Absatzes ganz stark an den am 31.März vom US-Hobbyjournalisten-Boulevard-Magazin mit dem überaus seriösen Namen „The Daily Beast“ veröffentlichten Artikel „Kim Kardashian Butts Into Syria’s (Online) Civil War With #SaveKessab Campaign“, der in für die Yellow Press üblichen Weise auf Kardashian, einprügelt und dabei den selben Vorwurf äußert wie die Autorin.
Salloum hat sich offenbar darauf verlassen, dass diese Parallele in ihrem Artikel niemandem auffällt. Jedoch hat sie da ihre zahlreichen Kritiker unterschätzt. Wer Kim Kardashian fettgedruckt ins Zentrum eines politischen Artikels rückt, macht sich verdächtig.
Kim Kardashian ist ein als Skandalnudel verschrienes Lieblingsopfer der Boulevardpresse, dem ein gewisses Dumpfbackenimage anhaftet. Dass dies nicht zwangsläufig zutreffen muss, sollte uns Verona Feldbusch gelehrt haben. Jedenfalls versucht Salloum sich dieses negativ besetzte Image für ihren Suggestionsjournalismus zu Nutze zu machen. Hätte sie Kim Kardashian durch Cher oder Serj Tankian (Ex-Frontmann der Hard Roch Band System Of A Down) ersetzt, die sich ebenfalls der „#savekessab – Aktion“ angeschlossen haben, wäre das im Kopf des nicht vorgebildeten Lesers erzeugte Bild sicherlich nicht ansatzweise so negativ ausgefallen.
Salloum versucht hier die Initiative dadurch in ein schlechtes Licht zu rücken, dass eine in der Yellow Press regelmäßig als ungebildete Boulevardskandalnudel dargestellte Kim Kardashian daran teilnimmt, und dass durch das bloße Aufmerksam-Machen auf die Vertreibungen von Armeniern und Alawiten in Kessab „Regime-Propaganda“ vorliege.

Klug jedoch ist diese Taktik nicht. Vielmehr tut sich das Paradoxon auf, warum Kim Kardashian im Artikel eines politischen Nachrichtenmagazins, das als seriös wahrgenommen werden möchte, fettgedruckt erscheint und ihr mehrere Sätze gewidmet werden.



Was sie nicht weiß, spricht sie dennoch an. Was ihr nicht passt, verschweigt sie.

„Es gab keine Massaker“ lautet die Überschrift ihres nächsten Absatzes. Wenig später relativiert sie diese absolut formulierte Überschrift kaum merklich mit dem Wörtchen „offenbar“. Fakt ist also, sie weiß es nicht und äußert sich trotzdem!
Sie führt an, es habe Vertreibungen gegeben und widerspricht sich selbst, wenn sie mögliche Todesopfer einräumt, diese aber selbst Schuld seien, da sie eine Bürgerwehr gebildet hätten.

(Schwerbewaffnete Milizen nach ihrem Angriff und der Vertreibung der Einwohner von Kessab / Bild: Asbarez News)

Angemerkt sei der Fairness halber, dass es mittlerweile als gesichert gilt, dass Massaker ausblieben.

Noch einen Schritt weiter geht Salloum, als sie Bilder aus Horrorfilmen und Splattermovies zu zentralen Elementen der Kampagne erklärt. Solche Bilder waren in der Tat bei Twitter und Facebook im Umlauf, wurden aber von den Organisatoren und Verantwortlichen der seit zwei Wochen stattfindenden SaveKessab-Demonstrationen als solche identifiziert, die Poster ermahnt und ihr Zeigen und ihre Verbreitung untersagt. Die Demonstrationen verliefen rund um die Welt ruhig, um auf die Vertreibungen aufmerksam zu machen.
Zu den Demonstrationen schreibt Raniah Salloum nichts. Dass sie keine Möglichkeit zu deren Negativdarstellung sieht, spricht für deren Organisation und Professionalität.


Spekulationen um türkische Beteiligung beim Angriff

Eine Beteiligung der Türkei wird von Salloum als unklar bezeichnet, auf den Abschuss eines syrischen Kampfjets reduziert und somit als mehr oder weniger rein zufällig dargestellt.
Dass dies so nicht stehen bleiben kann, zeigen einige signifikante Passagen aus englischsprachigen Artikeln zum gleichen Thema.

Raymond Ibrahim, ägyptischer Journalist, beschreibt für das Front Page Magazine die Gefühle und Lage der Bewohner bzw. ehemaligen Bewohner von Kessab wie folgt:
„One elderly man says “We’ve been here 97 years since they slaughtered us in Turkey. These al-Qaeda ‘rebel’ groups are the grandsons of Abdul Hamid”
Wenn wir aus historischen Gründen Verständnis für die Ängste von Polen und Balten vor Russland aufbringen, dann sollten wir es auch für solche Ängste syrischer Armenier aufbringen.
Den kompletten Artikel kann man unter nachstehendem Link nachlesen
Raymond Ibrahim: Turkey's New Jihad On Christian Armenians

Zeitgleich mit den Angriffen auf Kessab berichten kurdische Nachrichtenagenturen von einer neuerlichen Offensive gegen Rojava. Hier einen kausalen Zusammenhang mit den Angriffen auf Kessab zu vermuten liegt nahe.
„The fighting began when the ISIS, which had established itself in the region between Azzaz and Aleppo last year began to pull out of the region after an ultimatum from the El Ekrad Front. ISIS fighters from Aleppo, Idlib, Hama, Homs and Latakia moved into areas around Kobanê and launched a three front attack against the canton beginning on March 8th.
The ISIS opened their assault with mortar fire against the villages of Fiyonte, Bir Ketik and Evdik to the east of Kobanê. The YPG responded to the ISIS attacks in the village of Bir Kino, where they killed 4 gang members. The same day the ISIS launched an attack on a passenger bus in which one woman and one child were killed.
Between March 8th and April 8th there was fighting every couple of days. In addition to killing over 400 ISIS members and capturing 10 more, the YPG was able to seize a large quantity of military equipment. Among the ISIS dead were fighters from Saudi Arabia, Azerbaijan, Tunisia and Egypt. Documents recovered from ISIS fighters also confirmed they were receiving support from the Saudi and Turkish governments."

Den kompletten Artikel kann man hier nachlesen:
Rojava Report: YPG Kills Over 400 ISIS Members In March
Auch YPG-nahe kurdische Quellen, die für Assads Truppen genauso wenig übrig haben wie für die Milizen der ISIS, Al Nusra und Co., gehen also von türkischem Support für jene Gruppierung ausgeht.

Was Carlo Davis schreibt in der „New Republic“ schreibt, legt weitere Indizien und Gründe für eine türkische Beteiligung offen:
“On Thursday, a video was posted on YouTube containing an alleged recording of high-ranking Turkish officials discussing a potential military intervention into Syria in defense of a tiny Turkish exclave 25 miles south of the Turkey-Syria border. In its most damning moment, Turkish intelligence chief Hakan Fidan offers to orchestrate of Gulf of Tonkin-esque false flag attack on the exclave in order to justify a response. […]Turkey has been providing light arms and training to Syrian rebel groups since at least May 2012. Its northern border with Syria has become the primary conduit through which weapons flow from Jordan, Saudi Arabia, and Qatar to opposition forces on the ground. Turkey has gradually become more and more overt in its support for the Syrian opposition. Just last week, when Syrian rebels launched an operation to seize the last government-controlled border crossing between Turkey and Syria, Turkey provided them with a de facto no-fly zone, shooting down a Syrian fighter jet sent to defend the border towns. Turkey claims the plane had violated its airspace, but it crashed in Syrian territory.”
Mit der türkischen Exklave ist das Grabmal des Großvaters des ersten osmanischen Sultans gemeint.
Zum kompletten Artikel:
Carlo Davis: The Syrian Civil War May Be About to Go Fully Regional

Dazu passend erschien diese Woche in der Berner Zeitung ein Artikel über die mögliche Verwicklung der türkischen Regierung in einen Giftgasangriff in Syrien, der 2013 stattgefunden hat. Diesen Artikel griffen u.a. Tagesspiegel und der Spiegel Online selbst weniger als 24 Stunden nach Erscheinen von Raniah Salloums Artikel, auf.
Zum Artikel:
Berner Zeitung: War Ankara in den Giftgas-Angriff verwickelt?

Den nachstehend zitierten Artikel des Politologen und Journalisten Fehim Taştekin kann ich nur empfehlen. Sein Zitat reiht sich in die bereits angeführten ein. Des Weiteren lohnt es sich den Link zum kompletten Artikel abzurufen. Dort werden u.a. die verschiedenen Milizionärgruppierungen, für die Salloum gerne wirbt ausführlich beschrieben.
“Then there are reports of Turkey’s role in the capture of Kassab. Foreign Minister Ahmet Davutoglu said, “The Kassab events did not occur at our instance.” But Titizyan, asked by Agos if they were expecting an attack, replied: “No, but they told us Erdogan had opened the way. If Erdogan had not opened the way, so many nasty men would have not have come to Kassab. These men came from Turkey."
A lot has been written about militants crossing to Kassab from Turkey. Suheib Anjarini, a writer from the Lebanese daily Al-Akhbar, relying on an opposition source, said that more than 1,000 fighters trained in Jordan were brought over from Marka airport to Hatay for the Kassab operation.
And we are constantly told that the FSA was being very careful and compassionate. Although apart from the Bayirbucak Turkmen Brigade there was no FSA involvement in Operation Anfal, they are trying to make Kassab's capture acceptable by nonstop reporting that it was done by the FSA. Smart!
We should give up trying to write a saga of hospitality from this Armenian nightmare.”

Zum Artikel:
Fehim Taştekin: Turkey realizes its blunder in Kassab operation

Wie bereits von Taştekin erwähnt, melden türkische Medien wie AGOS oder Oda TV zudem unter Berufung auf Interviews mit aus Kessab geflohenen Armeniern und Alawiten, dass die Angreifer, als sie in ihre Häuser eindrangen, sowohl Arabisch als auch Türkisch gesprochen hätten.
Die Indizien, aus diesen miteinander nicht in Zusammenhang stehenden Quellen sprechen klar gegen Salloums Annahme.


Wer im Glashaus sitzt...

Am Ende ihres Absatzes "Massaker gab es nicht" drückt Salloum aus, dass armenische Verbände ihren Protest nicht öffentlich zu machen hätten, weil anderswo in Syrien auch Kriegsleiden stattfänden, für die im Ausland nicht mobilisiert werden könne. Dass es gerade die christlichen Minderheiten und die Kurden Nordsyriens sind, die in den westlichen Televisionsmedien totgeschwiegen werden und sie nur durch Aktionen wie die SaveKessab-Demonstrationen überhaupt Beachtung finden können, erwähnt sie nicht.
Bezeichnenderweise ist sie es außerdem selbst, die gerne als ein Hauptsprachrohr der Organisation „Adopt a Revolution“ fungiert. Alles ihre Publikationen zu Syrien finden sich auf der Webseite der Organisation, die hauptsächlich gegründet wurde um Spenden für die von Fehim Taştekin näher benannten und charakterisierten Gruppierungen zu sammeln. Die Terminologie „Anti-Assad-Aktivisten“, die sowohl Salloum als auch „Adopt a Revolution“ verwenden, kann nach Lektüre des Al-Monitor Beitrags nur als Euphemismus gedeutet werden. Dieser Organisation gehören auch einige prominente Politiker wie Claudia Roth oder Andrea Nahles an. Prominente Fürsprecher hätte sie also auf den ersten Blick schon. Die Organisation steht jedoch in der Kritik, seitdem sie Ende 2012 unter anderem auch durch Salloum geäußert immer lauter ein militärisches Eingreifen sowie eine Ausweitung der Waffenlieferungen an die bereits angesprochenen Gruppierungen forderte. Damals kehrte unter Anderem Konstantin Wecker ihr öffentlich den Rücken.
Ausgerechnet ein Recht auf Aktivismus und politisches Engagement, wie sie es selbst bei "Adopt a Revolution" ausübt, missgönnt Raniah Salloum offenbar den armenischen Verbänden.

Sonntag, 13. Januar 2013

Die schwarzen Wochen zwischen dem 28.12.2012 und dem 12.01.2013 Von Menschen zweiter Klasse, einer alles andere als blinden Justizia, neuen Dimensionen von Gewalt in Europas Mitte und haufenweise unbeantworteten Fragen

Als ich am 29.12.2012 meinen Blogeintrag zur Förderung türkischen Importrassismus veröffentlichte, war mir noch nicht klar, dass bereits einen Tag zuvor eine neue Stufe der Gewalt erreicht wurde. Während die Gewalt vor genanntem Datum vorwiegend in der Unterdrückung von Trauerbekundungen gegenüber armenischen, aramäischen, griechischen und vor allem kurdischen Opfern staatlich türkischer Gewalt und deren unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit geäußerten Verunglimpfung, zum Ausdruck kam, was an sich schon schlimm genug ist, begann an jenem 28.12.2012 mit der bestialischen Ermordung von Maritsa Kücük eine neue Welle rassistisch motivierter Anschläge und Morde.

Albert Camus hat einmal gesagt: „Wenn du etwas über ein Land lernen willst, dann schau dir an, wie die Menschen dort sterben.“ Lernen wir also ein wenig über den Staat zwischen Bosporus und Euphrat, das „liberal-islamische Musterland“, „das Wirtschaftswunderland mit EU-Ambitionen“, „den treuen und verlässlichen NATO-Partner“, „das Urlaubs – und Auswandererparadies zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer“.

Die 84-jährige Armenierin wurde in Istanbul tot aufgefunden und muss unvorstellbare Qualen erlitten haben. Wie einst die osmanischen Völkermordstruppen mit ihren christlichen Opfern verfuhren, so brandmarkten der oder die Täter sie mit einem in ihre Brust geritzten Kreuz. An dieser Stelle muss bereits erwähnt werden, dass zwischen 2007 und dem heutigen Tage weitere 5 Menschen armenischen Ursprungs in der Türkei rassistisch motivierten Morden zum Opfer fielen. Bezeichnend ist, dass lediglich eine der Bluttaten aufgeklärt und der Mörder gefasst wurde.
Alle anderen sind auf freiem Fuß und es stellt sich die Frage, ob hier tatsächlich ermittelt wird. Sollte dies nicht der Fall sein, liegt der Verdacht nahe, dass die Morde mindestens mit staatlicher Duldung, wenn nicht sogar mit staatlicher Förderung geschehen sind:
- 19.01.2007: Der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink wird, nachdem er jahrelangen Drohgebärden seitens rechtsgerichteter türkischer Kräfte vom bekennenden Rassisten Ögün Samast auf offener Straße erschossen. Das von ihm herausgebrachte wöchentlich erscheinende Journal AGOS hat sich für offen für die Rechte der ca. 70.000 Armenier mit türkischer Staatsbürgerschaft sowie für eine offene Debatte über den grausamen und systematisch durchgeführten Genozid zwischen 1896 und 1923 eingesetzt. Der Fall wurde populär. Es gab damals in der Türkei zahlreiche Solidaritätsbekundungen mit Hrant Dink und den Armeniern, aber leider ebenso zahlreiche Aufmärsche die mit dem Mörder sympathisierten. Samast wird der Prozess gemacht und er wird verurteilt.
- Juli 2010: die schwangere in London lebende armenische Staatbürgerin Anna Davtyan bricht am 15.07.2010 zu einer Reise nach Dubai auf. Bei ihrem Zwischenstop in der Türkei wird sie verschleppt und zu Tode gequält. Die Mörder befinden sich auf freien Fuß. Es ist fraglich, ob tatsächlich ermittelt wird.
- 24.04.2011: Sevag Balikci, Gefreiter der türkischen Armee und armenischen Ursprungs, wird am Gedenktag des Genozids in der Kaserne, in der er stationiert war, durch einen gezielten Todesschuss hingerichtet. Die Mörder befinden sich auf freien Fuß. Es ist fraglich, ob tatsächlich ermittelt wird. Innerhalb einer Armeekaserne dürften sie im Grunde genommen nicht weit gekommen sein…Werden die Täter durch den „Tiefen Staat“, der hochranginge Militärs in seinen Reihen weiß, gedeckt?
- 30.07.2011: Der 74-jährige armenischstämmige US-Amerikanische Tourist Arman Azak wird in seinem Hotelzimmer im türkischen Bodrum durch mehr als 30 Messerstiche getötet. Man findet ihn in einer riesigen Blutlache. Es fehlen keinerlei Wertgegenstände. Die Mörder befinden sich auf freien Fuß. Es ist fraglich, ob tatsächlich ermittelt wird.
- 28.12.2012: Die 84-Jährige Maritsa Kücük wird in ihrer Wohnung in Istanbul auf bestialisch, wie oben beschriebene Weise, ermordet aufgefunden.
- 10.01.2013: Das zweite armenische Opfer der schwarzen Wochen heißt Ilker Sahin und war Grundschullehrer an der armenischen Aramyan Uncuyan Schule, im Istanbuler Stadtteil Kadiköy. Haypress berichtete: „Kollegen von Sahin fingen an sich Sorgen zu machen, als dieser seit dem orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar drei Tage in Folge nicht zur Arbeit erschien. Nach unbeantworteten Telefonanrufen fuhren Sahins Kollegen schließlich zu seiner Wohnung und alarmierten die Polizei, die später das Haus betrat und die Leiche des Armeniers mit durchtrennter Kehle vorfand. Es wird vermutet, dass Sahin einige Zeit mit dem Täter, oder den Tätern, gekämpft haben muss. Die Polizei schloss die Möglichkeit von Mord während eines Raubüberfalles aus.Sahin arbeitete seit neun Jahren an der armenischen Schule. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch dieser Mord auf ethnischen und rassistischen Motiven beruht. Eine ältere armenische Frau wurde vor zwei Wochen in der Türkei ermordet, auch ihre Kehle war durchgeschnitten und ihr wurde ein Kreuz in die Brust geritzt. Ein weiterer Angriff gegen eine ethnische armenische Frau erfolgte Anfang letzten Jahres. Die Frau überlebte, verlor bei dem Mordversuch jedoch ein Auge. Es gibt derzeit keine Anzeichen, dass die Polizei in Istanbul diese drei Morde mit einander in Verbindung bringt.“

Warum sind die Mörder auf freiem Fuß? Ist die Aufklärung von Morden an Angehörigen ethnischer Minderheiten in der Türkei kein Verbrechen? Wie sind diese Morde und die Untätigkeit der Türkei in punkto Ermittlungen vor dem Hintergrund der nunmehr seit über einem Jahr ausstehenden Aufklärung des Roboski-Massakers zu bewerten? Wie groß ist der latente Rassismus innerhalb des türkischen Militärs, Polizeiapparats- und Justizministeriums, dass man hier unverhohlen und ohne Scham den Verdacht erweckt, zwischen Menschen erster und zweiter Klasse zu unterscheiden?

Doch der rassistische Terror findet nicht nur in der Türkei statt. Ebenfalls am 10.Januar 2013 werden die kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansız, Fidan Dogan und Leyla Söylemez in Paris brutal hingerichtet. Von türkischer Seite wird, wie üblich, sofort alle Schuld von sich gewiesen und die stereotype gebetsmühlenartig heruntergebetete Abwehrhandlung „Das war die PKK“ kommt durch Ministerpräsident Erdogan zum Ausdruck. Letztendlich macht Erdogan das, was von türkischer Seite seit Jahrzehnten exerziert wird. Bei jedwedem Anflug von Kritik stigmatisiert man sich in die Opferrolle und verweist auf andere.
Die Tatsachen, dass sich einen Tag später ein Anschlag auf ein kurdisches Büro in Wien ereignet, bei dem zum Glück keine Todesopfer zu beklagen sind und dass die französische Polizei entlang des Weges den mehrere hunderttausend aus ganz Europa angereiste kurdische Demonstranten am Nachmittag des Samstag, den 12.Januar nehmen sollten, eine Autobombe entschärft, machen diesen Erklärungsansatz unplausibel. Könnten es sich die Nutznießer der Inhaftierung Abdullah Öcalans innerhalb der verbotenen PKK, die ebenso Motive hätten, durch die Ermordung der drei Aktivistinnen die Verhandlungen zwischen türkischer Regierung und Öcalan zu torpedieren, wirklich erlauben, durch einen Autobombenanschlag derartig brutal und skrupellos gegen die zivile Menschen des Volkes, das sie zu repräsentieren wünschen, vorzugehen?
Erdogan hat bei seiner Mitteilung und Schuldzuweisung folgende historisch wiederholt aufgetretene Regel außer Acht gelassen: Eine Revolution, die ihre Kinder fräße, müsste erst einmal erfolgreich gewesen sein.
Als Beispiel dafür sei der Werdegang der baskischen ETA erwähnt. Wir müssen, wenn wir von der PKK reden, deren Terroranschläge es natürlich aufs Schärfste zu verurteilen gilt, aber einige Tatsachen berücksichtigen, die zumindest ihre Existenz und ihr Fortbestehen relativieren. So gründete sie sich 1984 erst, als das kurdische Volk bereits in Folge einer bis heute andauernden grausamen ethnischen Assimilationspolitik unvorstellbares Leid durch den türkischen Staat erlitten hatte. Hier haben Atatürk und alle seine Nachfolger bei den Jungtürken, die nahezu alle christlichen Minderheiten auf türkischem Staatsgebiet ausgerottet haben, nahtlos angeknüpft und tun es noch heute.
Hierbei sei ausdrücklich auf die hierzulande von der Öffentlichkeit nahezu nicht wahrgenommenen oder bewusst durch mediale Nichtbeachtung in Vergessenheit gedrängten Massakern von Zîlan (1930), bei denen ca. 250 kurdische Dörfer vernichtet wurden, mindestens 5000 Menschen starben und die dafür verantwortlichen Generäle bis heute als Volkshelden verehrt werden, den Dersimmassakern (1936-1938), mit rund 16.000 meist kurdischen Opfern alevitischer Konfession, den Progromen gegen die alevitische Bevölkerung von Kahramanmaraş (1978), dem Massaker von Malatya (1978) mit acht Toten, 60 Verletzten, 230 Verhafteten und 473 zerstörten Häusern, dem Progrom von Çorum (1980), dem Massaker von Sivas (1993), bei dem ein durch die rechtsradikale MHP und deren militanten Flügel, die „Grauen Wölfe“, fanatisierter Mob vor den Augen der untätigen Polizei das Madımak Hotel anzündete und 37 Aleviten verbrannten (besonders makaber: Erdogan begrüßte im Frühjahr 2012 ausdrücklich die Verjährung des Vorfall und somit strafrechtliche Nichtverfolgung der Täter, die in Deutschland Asyl fanden…), dem Massaker an 15 Aleviten im Istanbuler Stadtteil Gazi (1995; die Täter, 2 Polizisten wurden zwar vor Gericht bestellt, kamen aber mit Bewährungsstrafen davon…) und Roboski (2011), bei dem 35 jugendliche kurdische Zivilisten durch Luftangriffe des türkischen Militärs zu Tode kamen und das wider des Versprechen von Ministerpräsident Erdogan weiterhin nicht aufgeklärt ist, hingewiesen.
Sie bilden einen grausamen chronologisch beinahe nahtlos an den Völkermord an christlichen Minderheiten anknüpfenden blutgetränkten Faden.

Man muss sich in der Tat fragen, warum die PKK nach wie beträchtlichen Rückhalt in der kurdischen Bevölkerung hat, womit wir bei Spanien wären: Sowohl die Türkei als auch Spanien haben ungefähr zur selben Zeit die Militärdiktaturen hinter sich gelassen. Die Form der Unterdrückung der Basken unter Franco weist eine bemerkenswerte Fülle von Parallelen mit der Repressivität des türkischen Staates gegenüber den Kurden von auf. Ebenso sieht es mit der ETA und der PKK (die ETA gründete sich deutlich früher) bis Anfang der 1990er aus. Hier allerdings nehmen deren Wege einen konträren Verlauf. Warum passiert nicht das Gleiche mit der PKK, wie Mitte der 90er im Baskenland mit der ETA. Diese verlor durch starke aufrichtige Reformen der spanischen Regierung, wenn man von einigen tausend Unbelehrbaren absieht, komplett den Rückhalt in der Bevölkerung und ist heute, was den revolutionären Freiheitskampf angeht quasi tot. Hier seien der Artikel 2 der spanischen Verfassung sowie der Artikel 147 der spanischen Verfassung bzgl. Autonomiestatuten erwähnt, die seit 1992 für das Baskenland greifen. Die PKK hingegen existiert weiter und diese Tatsache allein, ist schon Indiz für das Ausbleiben ehrlicher Reformen (nicht Alibireformen!!!) und fortbestehender grausamer Unterdrückung.
Wenn die Türkei also tatsächlich ernsthaft an den z.Zt. stattfindenden Friedensverhandlungen mit kurdischen Organisationen interessiert ist, woran berechtigte Zweifel bestehen, dann muss sie um dies zu beweisen nur Spanien um Rat fragen, um erfolgreiche nachhaltige Lösungen zu erreichen! Nur wenn dies in vollem Umfang geschieht, ist die türkische Sichtweise auf die PKK nicht mehr zu relativieren.

Und auch die internationale Gemeinschaft muss sich einige Fragen gefallen lassen: Was spricht denn objektiv gegen eine kurdische Automie mit eigener Verwaltungshoheit? - Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass selbst verhältnismäßig kleine Regionen wie z.B. das Baskenland, Sizilien, Katalanien und Schottland über eine solche verfügen, ist dies zweifelsohne eine berechtigte Frage. Ebenso muss sich hier auch die internationale Staatengemeinschaft den Vorwurf gefallen lassen, wie man es moralisch vertreten kann, einerseits auf Balkan eine Vielzahl von Kleinststaaten von der Größe mittelhessischer Landkreise anzuerkennen, während man sich auf der anderen Seite bedenklich ignorant gegenüber nahezu äquivalenten Bestrebungen von Kurden und orientalischen Christen zeigt.

Der Konflikt in Kleinasien und im Nahen Osten teilweise wie die Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent zu bewerten, da er seinen Ursprung in einer willkürlich anmutenden postkolonial geprägten Grenzziehung mit wenig bis gar keiner Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse unter den Volksgruppen. Denn nichts anderes als eine Kolonialmacht war das osmanische Reich!
Diesen Status vollends aufzuheben hat man durch die Revidierung des Vertrags von Sèvres (1919) zu Gunsten des Vertrages von Lausanne (1923) versäumt und sich somit mitschuldig am Tod von mindestens 50.000 Menschen gemacht.

Erdogan macht sich selbst unglaubwürdig, indem er eine Verwicklung des „Tiefen Staates“ (türk. derin devlet), der unter anderem mit dem Massaker auf dem Istanbuler Taksim-Platz, bei dem am 1.Mai 1977 Unbekannte, bis heute nicht gefasste Täter in die Menschenmenge aus 250.000 Gewerkschaftern schossen und dem 34 Menschen töteten, dem Susurluk-Skandal, durch den laut Jahresbericht 1997 der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV): ISBN 975-7217-22-0 die Verstrickung von Staatsorganen und Grauen Wölfen in den Militärputsch von 1980 herauskam, dem Anschlag auf eine Buchhandlung in Şemdinli am 9.November 2005, an den, nach der Ergreifung der Täter durch Passanten, ein äußerst dubioser Zustandigkeitsstreit zwischen der 3.Strafkammer in Van und der Militärgerichtbarkeit anknüpfte, die letztendlich die Oberhand behielt und die Handgranatenwerfer trotz Verurteilung durch das benannte Zivilgericht skandalöserweise freisprach (!!!), und der Ermordung von Hrant Dink durch den Kontakte zu nationalistischen Kreisen unterhaltenden Rassisten Ogün Samast, in Verbindung gebracht wird, sofort kategorisch ausschließt. Er hatte ihm doch noch im Januar 2007 persönlich den Kampf angesagt – Leere Worte? Unter dem Strich bleibt bzgl. der Hinrichtungen und des Anschlagsversuchs von Paris folgendes festzuhalten: Wer letztendlich hinter den feigen Morden und Anschlägen steckt, bleibt abzuwarten. Von türkischer Seite ist eine seriöse Aufklärung aufgrund einschlägiger Erfahrungswerte wohl eher nicht zu erwarten. Neben Erdogans bereits erwähnter ungeheuerlicher Aussage zur Verjährung des Sivasmassakers macht auch das Statement der ehemaligen Präsidentin Tansu Çiller zu Susurluk dass, „„alle, die für den Staat Kugeln abfeuerten oder von Kugeln getroffen würden, ehrenwert seien“ (http://www.cnnturk.com/YASAM/DIGER/haber_detay.asp?PID=223&HID=1&haberID=141345) wenig Hoffnung auf ein Einlenken. Auch dass Erdogan bereits wieder Rumpelstillzchen spielt, weil der französische Präsident Francois Hollande einräumte, mit den verstorbenen in Kontakt gestanden zu haben, riecht eher nach einem emotionalisierenden sowie populistischen Ablenkungsmanöver denn wie nach ernsthaftem Interesse an Aufklärung.

Nun wäre also Europa gefragt, da es spätestens jetzt die Folgen einer jahrzehntelang verfehlten Politik zu spüren bekommt. Die Ignoranz und das Totschweigen teilweise staatlich durchgeführter und weiterer staatlich geduldeter ethnischer Säuberungen durch den NATO-Staat Türkei haben ein fatales Signal nach Ankara gesendet, das lautet: „Egal, welches Leid Ihr Euren Minderheiten antut, wir helfen Euch beim Vertuschen!“ Dies hat zur Heranbildung eines rassistischen Selbstbewusstseins innerhalb der Türkei und auch bei einer leider nicht zu unterschätzenden Anzahl türkischstämmiger Migranten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Skandinavien geführt, dass es nicht weiter marginalisiert werden darf, wenn Anschläge, wie in Paris geschehen, nicht zur traurigen Normalität werden sollen. Zwei tote Angehörige der armenischen Gemeinde in Istanbul und drei Tote Kurdinnen innerhalb von 2 Wochen sind in jedem Fall fünf Tote zu viel und stellen uns vor die Frage, welche Ausmaße die Ereignisse noch annehmen werden.

War die zeitliche Nähe der Morde in Istanbul und Paris bloßer Zufall und behält gar die Regierung in Ankara mit ihrer Vermutung auf ein InnerPKKliches Motiv hinsichtlich der Hinrichtungen von Paris Recht oder sehen menschenverachtende rechtsgerichtete türkische Kräfte in der Türkei und in Europa nun, da der Friedensprozess zwischen Regierung und Öcalan in vollem Gange ist und in einer Woche der Gedenktag anlässlich der Ermordung Hrant Dinks ansteht, ihre „Stunde der Patrioten“, die sie mit Morden und Anschlägen gegen Armenier und Kurden begehen? Wird Europa es sich jetzt immer noch leisten die Interessen und das Leid seiner kurdischen, armenischen und aramäischen Bevölkerung weiter zu ignorieren oder findet der Schmusekurs und die bedingungslose Nibelungentreue gegenüber Ankara endlich ein Ende?

In einer ernstgemeinten Partnerschaft, sollten beide Seiten Tacheles reden dürfen. Wenn sie das nicht aushält, sollte man ein Ende mit Schrecken statt einem Schrecken ohne Ende in Erwägung ziehen!