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Samstag, 17. Oktober 2015

Kommentar zum Urteil des EMGR in Fall Doğu Perinçek: Ein Menschenrecht wurde zum Arschlochrecht degradiert

Am 15. Oktober hat der Präsident des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte das Urteil in der seit 2008 anhängigen Sache Perincek vs. Schweiz verkündet. Die Oberste Kammer des EGMR bestätigt als letzte Instanz das vorherige Urteil des EGMR vom 17.12.2013, in dem die Faktizität des Genozids an den Armeniern bereits infrage gestellt worden war und Dogu Perincek das uneingeschränkte Recht auf Meinungsäußerung entsprechend §10 der Europäischen Menschenrechtskonvention zuerkannt wurde; nach Ansicht des EGMR schließt dies das Recht ein, den Völkermord an den Armeniern des Osmanischen Reiches zu bezweifeln.


Wenn die Meinungsfreiheit nicht mehr dort endet, wo die Menschenwürde massiv verletzt wird, wird sie vom Menschenrecht zum Arschlochrecht degradiert.
Die Nachkommen der Völkermordsopfer würden in ihren neuen Heimaten lieber über die Jazzszene in Yerewan, Granatapfelwein, Konyak, Baden im Sewansee, den Volkstanz Kochari und das Potential Armeniens bei erneuerbaren Energien sprechen, statt sich ständig zur Völkermordsthematik zu äußern. Das können sie aber nicht, weil die bespiellos ethnozentrisch durchwucherte, geschichtsrevisionistische Leugnungspolitik der Türkei, als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches, das Täter-Opfer-Verhältnis skrupellos radikal umkehrt, und sie dazu zwingt sich immer wieder für das Schicksal ihrer Vorfahren rechtfertigen zu müssen. Diese zum Himmel schreiend ungerechte Situation wird durch das Urteil des EMGR in der Causa Doğu Perinçek gegen die Schweiz weiter verschlimmert.
Gerade jetzt, da die sich seit mehr als einem halben Jahrzehnt die Fratze des türkischen Rassismus in Europa immer schärfer abzeichnet, bedeutet dieses Urteil einen weiteren fatalen Freibrief.
Die, der pro-kurdischen Partei HDP angehörenden, Opfer der Anschläge von Ankara vom Samstag, den 10.10.2015 werden bei der EM-Qualifikation in Konya von türkischen "Fans" ausgebuht und verhöhnt. Eine Spendenkampagne für, vor dem IS geflüchtete, vorwiegend yezidische Kurden im Shingalgebirge wird von der Drogeriemarktkette DM auf Druck türkischer Fundamentalisten abgesagt. Jetzt bekommen auch die armenischen, aramäischen und pontosgriechischen Nachkommen der Genozidopfer den immensen zerstörerischen Einfluß der xenophoben türkisch-rechtskonservativen Lobby in Europa, für die Perinçek als Wanderprediger fungiert, zu spüren. Das alles passierte innerhalb von nur einer Woche. Europa verkauft seine Werte im Eiltempo. Währenddessen wird Perinçek in der Türkei in den Rang eines Nationalhelden erhoben.


Doğu Perinçek ist nicht Irgendeiner. Er ist ein staatlich koordiniert und geförderter Scharfmacher, der türkische Migranten in Europa gezielt aufstacheln soll. Ein ochlokratisch organisiertes und semi-totalitäres System hat europäische Rechtsstaalichkeit erfolgreich unterlaufen, und besiegt. Das ist zu einem Zeitpunkt, wo der türkische Rassismus eine neue Dimension erreicht hat, ein denkbar falsches Signal.



Zum Weiterlesen und besseren Verständnis:

1.) Istanbul, 13. März 2014: Notorischer Genozidleugner Doğu Perinçek in der Türkei vorzeitig aus der Haft entlassen: „WIR SIND WIE EIN GEZOGENES SCHWERT!“
2.) Straßburg, 15. Oktober 2015: EGMR verurteilt schweizerische Justiz und erlaubt Genozidleugnung im Rahmen der Meinungsfreiheit
3.) Pressemitteilung der Gesellschaft Schweiz
- Armenien (GSA)

4.) Pfiffe und Buhrufe für die Terroropfer von Ankara
5.) Heulsuse der Woche: rassistische Flüchtlingsgegner vs. nationalistische Deutschtürken
6.) Kein Rassismus in der Türkei!
7.) Türkischer Rassismus im Nationalstaat Türkei am Beispiel der Kurden
8.) Türkische Gemeinde zu Berlin hetzt gegen Kurden in Deutschland
9.) Robert Fulford: Turkey is increasingly unable to handle criticism
10.) «Völkermord oder nicht ist keine demokratische Ausmarchung»
11.) Das Gericht schadet sich selbst

Sonntag, 29. Juni 2014

ISIS-Terror und Bürgerkrieg im Irak - Kurdistan wäre eine große Chance für die Region

Ist der aktuelle Krieg im Irak ein Religionskrieg und ist mal wieder "Der Westen" Schuld? - Die Wahrheit liegt dazwischen und ursächlich weitestgehend in niemals konsequent beseitigten Grenzen ehemaliger Kolinialmächte begründet. Ein Festhalten an diesen Grenzen wäre fatal, wohingegen eine Neustrukturierung der Region historische Chancen für Kurden und andere Minderheiten eröffnen würde.


Religionskonflikt - ja oder nein?

Man ließt dieser Tage viele Theorien aus vielerlei verschiedenen politischen Richtungen und Gruppierungen.
Oft wird im Hinblick auf den durch den Vormarsch der ISIS ausgebrochenen Bürgerkrieg von einem Religionskonflikt. Das stimmt aber nur teilweise.
Religion ist niemals wirklich die Ursache eines Konflikts oder einer kriegerischen Auseinandersetzung. Sie ist allenfalls Mittel zum Zweck und wird instrumentalisiert. Einen interessanten Ansatz hierzu findet man bei dem auf interkulturelle Didaktik spezialisierten Erziehungswissenschaftler Karl-Heinz Flechsig. Demnach ist die Vermittlung ethno- oder religionszentrierter Weltbilder oder Kulturvorstellungen immer Mittel zur Untermauerung von bestehenden Herrschaftsverhältnissen, die ohne Feindbilder nicht auskommen.
Wenn man den Konflikt im Irak und Syrien mit Kriegen im subsaharischen Afrika, z.B. im Kongo, Kamerum und Nigeria oder in den 1990ern in Rwanda, vergleicht, kommt man immer wieder auf die Ursache zurück, dass Grenzen enlang der alten englischen, französischen, belgischen, etc. Kolonialgrenzen gezogen wurden, statt Rücksicht auf tatsächliche ethnische und konfessionelle Gegenbenheiten zu nehmen. Während der bipolaren Weltordnung haben vor allem die USA und Großbritannien aber auch ein Stück weit die Sowjetunion durch die Unterstützung von Paramilitärs, Konterguerillas und Despoten ihr nötiges getan, um die Konflikte noch zu verschärfen. Ein anderes Beispiel dafür, beinahe vor der Haustür wäre Spanien unter Franco. Thatcher unterstützte die GAL, als Reaktion darauf gründete sich die ETA. Der Konflikt konnte erst durch die baskische Autonomie beigelegt werden.
Von einem Religionskonflikt zu sprechen ist angesichts der klaren Linien zwischen Sunniten und Schiiten nicht falsch. Sie stößt aber an ihre Grenzen 1.) berücksichtigt man die Rolle der Kurden, die zwar oft Êzidin oder Aleviten, aber mehrheitlich der sunnitischen Konfession angehörend aber dennoch Gegner der ISIS und 2.) führt man sich die Rolle der involvierten Regionalmächte ergo Unterstützterstaaten vor Augen. Hier kann die Situation im Irak keinesfalls losgelöst vom syrischen Bürgerkrieg betrachtet werden.


Schiiten, Sunniten und die Rolle der Regionalmächte

Die selben Terroristen, die jetzt im Irak auf dem Vormarsch sind, waren vorher über Jahre in Syrien aktiv. Finanziert und bewaffnet wurden und werden sie von Mitgliedern des saudischen Königshauses und finanzkräftigen Kreisen aus den Golfstaaten, während die Türkei ihnen, kommen sie oft mit den Flugzeug aus Afghanistan, Turkmenistan oder Tschetschenien in das Transitland zwischen Bosporus und Euphrat, die Grenzen öffnet, als Rückzugsgebiet dient und kostenlose medizinische Versorgung offeriert.
Als sie in Syrien einfielen, hatten sie es mit einem wirtschaftlich starken Land zu tun, in dem sie nachdem der Iran aktiv auf Seiten Assads eingriff, scheiterten.
Im Irak hatten sie leichtes Spiel. Das Land liegt wirtschaftlich und politisch nicht zuletzt aufgrund undurchdachten westlichen Agierens nach dem Sturz Saddam Husseins am Boden. Hinzu kommt mit Nuri Al-Maliki ein Präsident, von dem sich ein großer Teil der sunnitisch-arabischen Bevölkerung benachteiligt fühlt und gewillt ist, sich den Terroristen oder jedem der ihnen Besserung verspricht anzuschließen.
Dementsprechend schwach ist die Gegenwehr der irakischen Armee ausgefallen. Die iranische Intervention auf Seiten Al Malikis war vorprogrammiert. Die islamische Republik versteht sich als Schutzmacht der schiitischen Muslime. Dass Teheran angesichts der andauernden diplomatischen Spannungen mit Ankara und Riad nicht tatenlos zusehen würden, wie die sunnitischen Mächte ihre Einflußsphären bis an die Südwestgrenze Irans erweitern, war niemals auch nur ansatzweise unklar.
Die Rolle der Regionalmächte stützt auf den ersten Blick die These eines Religionskonfliktes. Bei genauerem Hinschauen sieht man aber deutlich, wie Religion instrumentalisiert wird, um Herrschaftsansprüche zu untermauern und auszuweiten.


Die Geister, die der Westen rief

Neben der These eines Religionskrieges, wird immer wieder die Schuld des Westens angeprangert.
Das eigentliche Problem liegt, wie bereits angesprochen tiefer, in der Grenzziehung. Genau hier liegen Ursprung und Berechtigung der Kritik am westlichen, insbesondere britischen und US-amerikanischen, Wirken. Wir haben es im Nahen Osten wie auch im subsaharischen Afrika mit den Grenzen entlang ehemaliger Kolonien zu tun, die ohne Rücksicht auf ethnische und religiöse Gegebenheiten gezogen wurden. Die militärische Intervention von 2003 hat die Instabilität verschärft hat, weil sie mit Rücksicht auf Bündnisse mit den Golfstaaten und der Türkei der Illusion aufsaß, also jenen Staaten, die heute der ISIS Support bieten, die Beseitung von Saddam Husseins Baath-Regime sei ausreichend, um Frieden und Demokratie zu bringen. Dass nach seinem Fall ethnische und religiöse Konflikte weiter bestehen und sich verschärfen war vorhersehbar, wurde aber ignoriert, extrem unterschätzt oder sogar bewusst in Kauf genommen. Oft wird sich die Frage gestellt, wie es denn sein könne, dass die sonst omnipräsenten Geheimdienste der USA und Großbritanniens den Vormarsch der ISIS nicht bemerkt haben. Die Erklärung dafür ist einfach, banal und bezeichnend zugleich. Selbst derart gut vernetzte Aufklärungsapparate sind auf Kooperationen mit regionalen Kräften angewiesen. Schaut man sich an, auf welche Partner in der Region gesetzt wird und führt man sich deren Interessen vor Augen, wird klar, wieso der Vormarsch lange Zeit unbemerkt oder unvermeldet blieb.


Keine Chance auf Frieden ohne freies Kurdistan

Es schon beinahe zynisch, wenn der britische Außennminister Hague den Fortbestand der "nationalen Einheit" des Irak fordert. Eine derartige "nationale Einheit" gab es nie wirklich. Die Geschichte des Irak ist geprägt von Machthabern die Spielbälle zunächst britischer (z.B. König Faisal II) und später US-amerikanischer Interessen in der Region waren (z.B. Saddam Hussein im Ersten Golfkrieg gegen den Iran von 1980 bis 1988).
Ein Zusammengehörigkeitsgefühl quer durch alle Volksgruppen, Religionen und Konfessionen gab es nie.
Die Lösung kann, wenn es denn eine gibt, nur nach dem Vorbild der Teilung des ehemaligen Jugoslawiens stattfinden. D.h. konkret eine Dreiteilung des Landes, was auch ein unabhängiges Kurdistan zur Folge haben muss.
Seit gut hundert Jahren waren die Kurden aufgrund eines nicht existenten
Für mich zeigt sich hier immer wieder, warum die Beschlüsse der Konferenz von Sèvres 1919 nicht zu Gunsten der von Lausanne 1923 hätten revidiert werden dürfen. Nun gibt es eine Zweite Chance eine kurdischen Staat. Zwar war 1919 lediglich eine Autonomie vorgesehen auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei vorgesehen. Fest steht aber; Wenn die Region jemals Stabilität erfahren soll, darf sie nicht ein zweites Mal ungenutzt bleiben!
Ein solcher Staat, in dem sunnitische, alevitische und êzîdîsche Kurden ebenso wie christliche Aramäer / Assyrer, Araber, egal ob muslimisch oder katholisch -ja, in der Region leben katholische Araber-, Turkmenen und Armenier gleichberechtigt nebeneinander leben können, würde die ganze Region ein großes Stück weit stabilisieren. Der Chef der kurdischen Autonomieregierung, Masud Barzani, hat eine gleichberechtigtes, demokratisches Miteinander bereits angekündigt und die Entwicklung der Kurdengebiete im Nordirak sowie in Nordsyrien zeigen, dass dieses Versprechen ernstgemeint und im Grunde genommen bereits realisiert ist. Kurden und Kurdinnen, denn die Gleichstellung der Frau ist ein zentrales Element der kurdischen Freiheitsbewegung, aller Religionen und Konfessionen dienen bereits in den Verteidigungseinheiten der YPG in Syrien sowie in der Peshmerga-Armee ebenso wie Angehörige christlicher Minderheiten, die oft die Kurden als Schutzmacht ansehen und sich aktiv in ihrem Freiheitskampf beteiligen. Die Offenheit gegenüber allen Konfessionen, Religionen und Volksgruppen der Region macht den oft verwendeten und negativ konotierten Begriff von "Kurdischen Nationalismus" unzutreffend.
Ein freies Kurdistan ist vielleicht kein Allheilmittel gegen alle Konflikte in der Region.
Es würde aber ein Staat entstehen, dessen Existenz wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch ein drittes Gegengewicht zu den o.g. Regionalmächten dartellen würde. Ein positiver Nebeneffekt könnte des Weiteren darin bestehen, dass bei der Aufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen einem neuen Staat Kurdistan und Armenien die Türkei gezwungen sein könnte, nicht mehr weiterhin bedingungslos, wie bisher, den notorisch antiarmenischen Kurs des aserbaidschanischen Alliev-Regimes zu stützen. Wirschaftlich garantieren reiche Ölvorkommen Eigenständigkeit und die z.Zt gut 200.000 Mann starken Streitkräfte der kurdischen Peshmerga-Armee sind stark genug, um die Grenzen bis zu einer längst überfälligen Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft dauerhaft zu sichern.
Ein Festhalten an bestehenden Grenzen bedeutet eine neue Runde im alten Teufelskreis zu drehen. Dass weite Teile der deutschen Politik, wie u.a. Klaus von Dohnany in der letzten Junisendung 2014 bei Richard David Precht äußern, es müsse um jeden Preis an bestehenden Grenzen festgehalten werden, ist arrogant und absurd. Nur wenn mit dem Lineal gezogene Grenzen überdacht und neu verhandelt werden, können Konflikte und Kriege dauerhaft beigelegt und beendet werden, weil nur so ihre wirkliche Ursache angegangen werden kann. Solange man das im Westen nicht versteht, wird man sich den zurecht geäußerten Vorwurf des Neokolonialismus gefallen lassen müssen.
Es ist an der Zeit eine historische Ungerechtigkeit zu beseitigen, und die Gründung eines Staates für ein seit mehr als einem Jahrhundert und leider oft mit westlicher Hilfe unterdrücktem 40 Millionen Volk endlich als Chance für mehr Frieden und Demokratie in einer von Kriegen und Konflikten gebeutelten Region zu sehen.





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Sonntag, 1. Dezember 2013

Als die Armenier aus Maraş nach Uruguay flohen (Übersetzung von Ferda Çetins Artikel "Maraş'tan Uruguay'a Kaçabilen Ermeniler")

Beim hier vorliegenden Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Türkischen.
Der Artikel wurde ursprünglich von Ferda Çetin verfasst und kann im Original unter folgendem Link gelesen werden:
"Maraş'tan Uruguay'a Kaçabilen Ermeniler" von Ferda Çetin

Uruguay liegt am anderen Ende der Welt. Der heutige Stand der Technik erlaubt es, das Land innerhalb gerade einmal eines einzigen Tages mit dem Flugzeug zu erreichen. Vor hundert Jahren gab es keine Alternative zu den Schiffen, auf denen die Überfahrt dorthin fünf bis sechs Monate dauerte, um die unüberbrückbar erscheinende Entfernung zu bewältigen. Vor einigen Jahren besuchte der Journalist M.Ali Doğan im Rahmen seiner Lateinamerikaberichterstattung auch Uruguay. Als er hörte, dass dort eine große Anzahl von Armeniern lebt, erforschte er ihren Werdegang, fand die Geschichte eines hundert Jahre andauernden Exils vor und beschloss eine Reportage darüber zu machen.

Die Mehrheit der heute 70 bis 80 jährigen Kindergeneration der Armenier aus Maraş kennt jedes Detail im Leben ihrer Väter und Mütter. Jeder von ihnen erzählt von Völkermord, dem Beginn der Jugend in einer Flüchtlingsfamilie und von persönlichen Tragödien.
Die Auswanderer bauten sich in Uruguay in neues Leben auf. Dennoch haben sie nichts vergessen. Was auch immer notwendig war, um die Erinnerungen am Leben zu halten, haben sie getan. Es gibt sehr aktive Vereine. An bestimmten Tagen kommen dort drei Generationen zusammen.
Die Vereine tragen den Namen „Maraşlılar Derneği“ („Verein derer, die aus Maraş kommen“). Ein alter Armenier fragt M.Ali Doğan, woher er denn komme. Als dieser „Ich komme aus Maraş“ zur Antwort gibt, bricht Jubel aus. “Maraşlı olsun çamırdan olsun!” (zu dt. in etwa: „Wer aus Maraş kommt, der muss aus Lehm gemacht sein“)
Einst waren die Menschen gezwungen aus ihrer Heimat zu fliehen und es hätte nahe gelegen, in einem Nachbarland Zuflucht zu suchen. Aber die Massaker und das gewaltsame Vorgehen, mit dem sich die Armenier konfrontiert sahen, waren derart grausam, dass sie an die weitest möglich entfernten und unerreichbarsten Orte flohen. Daher bevorzugten sie es, nach Uruguay, Argentinien oder die USA zu emigrieren. Sie setzten alles daran sich von Unterdrückung, Barbarei und Gnadenlosigkeit zu entfernen.
Trotz dutzender Regierungswechsel nach Stattfinden des Völkermordes an den Armeniern, erkennt der türkische Staat, einschließlich der AKP, den Völkermord an den Armeniern nicht an. Im Gegenteil, sie versuchen eine Geschichte von Türken mordenden Armeniern und zufällig zu Stande gekommenen Todesfällen bei Umsiedlungsmärschen zu erzählen. Sie versuchen darüber hinaus, die Welt glauben zu machen, die Zahl der massakrierten Armenier beliefe sich nicht auf 1,5 Millionen, sondern es sei plausibler die Opfer auf 350.000 zu beziffern, was eine entschuldbare Zahl darstelle. Offizielle staatliche Historiker schrieben hunderte von Büchern, um der Bevölkerung diese Lügen glauben zu machen. Jedoch zeigen die in den letzten Jahren in rascher Folge veröffentlichten Erinnerungen armenischer Autoren die ganze Absurdität dieser Opferzahldebatte und führen uns die Wahrheit vor Augen.

Der 1889 in Mezre (Provinz Elazığ) geborene Vahan Totovents beschreibt seine tragische Geschichte in “Yitik Evin Varisleri” (zu Deutsch: „Die Erben des verlorenen Hauses“):
„Als wir Kinder in der Silvesternacht darauf warteten, dass der Weihnachtsmann uns unsere Neujahrsgeschenke bringt, hat der Tod an unsere Tür geklopft, ich hielt die Hand meines Vaters.
Sie haben uns freundlich die Hände geschüttelt. Arm in Arm gingen wir aus dem Haus. Während des Marsches durch den strahlend weißen Schnee verloren wir uns aus den Augen. Diejenigen, die jetzt fort gingen, kehrten nie wieder zurück…Den Verlust von Rebeka, eine der Cousinen die Vahan Totovents am meisten am Herzen lag, beschreibt er wie folgt:
Rebeka, die Tochter meiner Tante, war ein kräftig gebautes, gesundes, fleißiges Mädchen vom Geiste eines Dichters. Selbst ihre großen, reinen blauen Augen schienen einen einzustürzen drohenden Himmel erneuern zu können. Dieser Himmel ist über den vorher noch gen Morgenröte in die Höhe schießenden weißen Lilien, die Rebeka angepflanzt hatte, eingestürzt. Rebeka wurde in die arabischen Wüsten deportiert. Die Sonne hatte Muttermale in ihre Stirn und Wangen eingebrannt. All das erfahren zu haben, hat mein Herz ausgebrannt. Rebeka! Die Greuel, die Du erlebt hast schreibend auf mich nehmend, verneige ich mich vor Dir. Nimm hiermit die Tränen Deines Bruders an…“

Hagop Mintzuri aus dem Dorf Armı bei Erzincan, beschreibt die Geschehnisse zwischen 1897 und 1940 in seinen „İstanbul Anıları“ (Erinnerungen aus Istanbul) folgendermaßen:
Im April des Jahres 1915 begannen die Deportation und Vertreibung der Armenier in Istanbul. Ich war damals noch dort als Soldat. Im Mai kamen keine Briefe mehr aus der Heimat. Zweimal sendete ich ein Rückantworttelegramm, doch eine Antwort blieb aus. Auf das dritte Telegramm kam folgende Antwort: „Sie sind nicht hier und befinden sich irgendwo auf einer unbekannten Route“. Mein Großvater Melkon war 88 Jahre alt. Meine Mutter Nanik war 55 Jahre alt, meine Kinder Nurhan, Maranik, Arahit und Haço waren 6, 4, 2 Jahre bzw. erst 9 Monate alt. Meine Frau Voğıda war 29 alt. Wie sollten sie einen Marsch durchstehen? Mein Großvater hätte es nicht einmal bis zum Brunnen von Suazeg geschafft. Temer , ein Kurde aus Gamıh war gekommen. Er war Bauer bei Lusnik, der Tante meines Cousins. Soweit ich mich erinnern kann, hat er die Felder um ihr Haus bestellt. Er sprach ebenso gut wie wir armenisch. Er brachte mir die Nachricht, dass alle Armenier am 4. Juni aus dem Dorf gebracht wurden. Er erzählte mir, dass sie noch die Türen ihrer Häuser und die Tür der Kirche küssten bevor, sie das Dorf verlassen mussten. Wenn einer der Nächsten in ihrem Haus stirbt, wünschten sie sich dann nicht wenigstens gemeinsam zu sterben? Könnten sie dann noch arbeiten? Wer könnte dann schon noch Tag ein Tag aus weitermachen und arbeiten? Ich war Soldat und ich war Befehlen untergeben. Müsste ich sie loslassen und mich damit abfinden?“

Mit den Erinnerungen von Hagop Mintzuri, möchten wir erzählen, wie er als einziges Mitglied seiner Familie übrig bleibt.
Die aus Maraş stammenden Armenier in Uruguay vermissen die Erde und die Menschen in der alten Heimat. Mit Worten wie “Maraşlı olsun çamırdan olsun“ erzählen sie uns das. Vahan Totovents aus Harput fasst die Liebe und die Sehnsucht nach seinem Geburtsort in folgende Worte: „In diesem alten Land ruft die Sonne die Früchte herbei, sie haucht der den Boden überziehenden unerschöpflichen Vegetation Atem ein; Flüsse plätschern, es dämmert gleichmäßig, bis die Sonne in den Armen der Abendlichter untergegangen ist; eine bis zum Rand mit frischer Milch gefüllte silberne Schale schwimmt auf blauem Wasser, die Nächte sind erfüllt von Geistern mit der Stimme der Sterne, die Bäume schweben gen Horizont und alle Blumen vibrieren säuselnd“ (Vahan Totoventes studierte in den USA, bevor es ihn in die Sowjetrepublik Armenien zog. Von Stalins Regime wurde er dort 1936-1937 ins Gefängnis geworfen. Danach hörte man nie wieder etwas von ihm).

Wir haben den Armeniern nichts als Völkermord und Grausamkeit angetan. Das hat unglaublich tiefe Wunden bei den Überlebenden verursacht. Die Menschen hier in diesem Land (Uruguay) haben wir mit endloser Einsamkeit bestraft. Das haben wir denen angetan, die unsere guten Nachbarn waren, und sie haben uns ohne Nachbarn zurückgelassen. Unser Misstrauen und ihre innere Unruhe verhindern, dass wir aus unserer Einsamkeit erlöst werden.


Portal de los armenios del Cono Sur - spanischsprachige Seite der Armenischen Diaspora in Uruguay

Montag, 1. Juli 2013

Sieg der Öldiktatur oder der Gerechtigkeit? - Kommt ein Diktatorenfreund und Lobbyistenfan in der UNO seinen Gönnern zu Hilfe?

Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, doch laut der Neuen Zürcher Zeitung ist es in der Tat Realität. Eine Vielzahl von liberalen Schweizer Politikern kämpft Seite an Seite mit armenischen, kurdischen und jüdischen Verbänden für die Errichtung eines Mahnmals gegen die größten Verbrechen in der jüngeren Geschichte der Menschheit (vgl.:http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/uno-opponiert-gegen-geplante-armenier-gedenkstaette-in-genf-1.18107791).
Doch neben der üblichen Rumpelstillzchenposse seitens der türkischen Regierung, die sowohl bei liberalen türkischen Intellektuellen an den freien Universitäten des Landes als auch beim Who-is-Who der internationalen Historiker für Nichts außer Unverständnis und Kopfschütteln sorgt, stellt sich nun überraschenderweise UNO quer, bzw. vielmehr interveniert ihr Generaldirektor, Kassym-Jomart Tokajev.
Nun ist es an der Zeit sich zu fragen, wer dieser Herr eigentlich ist.
„Zeig mir, mit wem du dich umgibst, und ich sag dir ... ... wer du bist“, bei genauerer Betrachtung des Wirkens der Person Tokajev kommt diesen alten Sprichwort eine ganz besondere Bedeutung zu.

Tokajev ist früherer Premier- und Außenminister Kasachstan und wurde 2011 von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zum Generaldirektor der Vereinten Nationen in Genf ernannt.
Nicht erst seit dem Beginn seiner Amtszeit fällt bei Tokajev ganz stark seine kritiklose Affinität zu Aserbaidschan, der nationalistisch-neofaschistischen Erbdiktatur am mit reichen Ölvorkommen gesegneten Kaspischen Meer, die sich nun in zweiter Generation im Würgegriff des Aliyevclans befindet, auf.
So eröffnete er am 9.Mai 2013 eine Kunstausstellung mit Gemälden von u.a. aserbaidschanischer Maler (http://www.azernews.az/culture/53564.html) und adressierte seinen besonderen Dank an den Botschafter des repressiven Alliyev-Systems und bekam dafür in dessen staatlich kontrollierter und zensierter Presse bereits ein sehr positives Echo.
Ebenfalls im Mai dieses Jahres partizipierte Tokajev an vorderster Front bei der Ehrung des Begründers des diktatorischen aserbaidschanischen Familienregimes, Haydar Aliyev, dessen Sohn Ilham seit dem Tod des Vaters im Jahre 2003 die Macht im Staat zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer von ihm erhalten hat (vgl.:http://www.azernews.az/azerbaijan/53705.html)

Die Aliyevsche Regimepolitik kennt in Wesentlichen vier Säulen, die erste Wirtschaftliche ist die nahezu vollständige Abhängigkeit von den Ölvorkommen im Kaspischen Meer vor der Küste Bakus. Damit einhergehend ist ein starker Zentralismus, der nur einen kleinen in der Hauptstadt ansässigen, regimetreuen Bevölkerungsanteil Zugang zum durch das schwarze Gold entstandenen potenziellen Wohlstand gewährt. Darin weißt das Land große Äquivalenzen zu den ebenfalls von autoritären Diktatoren geführten und 100% ölabhängigen Golfstaaten auf.
Die zweite Säule ist ideologischer Natur und besteht in der Einschwörung auf den türkischen Nationalismus.
Die dritte ist, und das sollte jeder, der die Berichterstattung im Vorfeld des Eurovision Song Contests verfolgt hat, noch im Kopf haben, die ständige Bespitzelung sowie die gewaltsame Zerschlagung der ohnehin nur marginal ausgeprägten oppositionellen Strukturen im Land.
Als vierte Säule ist ein massiver wirtschaftlicher Protektionismus zu nennen, der die wenigen mittelständischen nicht-staatlichen systematisch am Wachsen durch Teilnahme am internationalen Markt hindert, da er ihnen grundsätzlich schon verbietet mehr als umgerechnet ca. 1000€ pro Woche ins Ausland zu transferieren, was aufgrund des staatlich kontrollierten Bankenwesens und dessen astronomisch hoher Auslandsüberweisungsgebühren ohnehin nur durch die Präsenz von Western Union überhaupt ein wenigen Fällen einen Sinn macht.

Eine ausführliche Analyse des diktatorischen Systems Aliyev findet sich unter nachstehendem Link:http://madlens-blog.blogspot.de/2012/01/acht-blickwinkel-aserbaidschan.html
Was gibt es bitte positiv an einem solch fragwürdigen Lebenswerk bzw. Vermächtniss eines lupenreinen nationalistischen Diktators durch einen ranghohen UNO-Repräsentanten, zu würdigen Herr Tokajev?
Tokajev war als Mitglied der kasachischen und des kasachischen Parlaments lange vor seiner Berufung zur UNO nach Genf als Förderer der Ölindustrie bekannt, welche enge Kontakte zur Erbdiktatur am Kaspischen Meer unterhält.
(vgl.: http://iwep.kz/uploads/files/biblioteka/books/Kazakhstancy_o_pervom_presidente_RK.pdf sowie http://www.newsline.kz/news.php?y=2008&m=09&d=16)
So ist es wenig verwunderlich, dass er auch nun in Genf gerne gesehener Gast bei Festivitäten der ständigen diplomatischen Vertretung des Aliyev Clans ist und dafür ein ums andere Mal und besonders im Frühjahr 2013 wie kaum ein anderer ausländischer Politiker mit positiven Pressefeedbacks der staatlichen kontrollierten und zensierten Presse der Aliyevschen Erbdiktatur bedacht wird.
(vgl. u.a. „The opening ceremony of the Cultural Night was addressed by the Deputy Minister of Culture and Tourism of the Republic of Azerbaijan Madame Sevda Mammadaliyeva and the Director-General of UN Office at Geneva Mr. Kassym-Jomart Tokayev. Mr. K.Tokayev expressed his gratitude and appreciation to the Permanent Mission and in particular Ambassador, Permanent Representative Dr. Murad N.Najafbayli for the organization of the International Day of Nowruz and Azerbaijani Cultural Night.” (http://www.azmission.ch/xeberler/20130404070214088.html)
Wenn ein eigentlich der Neutralität verpflichteter UN-Repräsentant derart oft und durchweg positiv mit Lob von den staatlichen Medien eines totalitären Regimes überseht wird, ist dies sehr verdächtig.
Der Einfluss regimegestützter aserbaidschanischer Lobbys und deren Barreldollars hat in Person von Tokajev nun offenbar die UNO erreicht.

In Europa sind diese Einflüsse bereits länger bekannt und äußern sich ansonsten dadurch verurteilte Mörder von schlafenden Armeniern aus anderen Staaten freizukaufen, um sie anschließend Nationalhelden zu verehren:
Am 18. Februar 2004 kauft sich der aserbaidschanische Soldat Ramil Safarov eine Axt. Er ist mit Militärangehörigen aus anderen Ländern in Budapest, um an einem Nato-Fortbildungsprogramm teilzunehmen. In der übernächsten Nacht nimmt er die Axt, geht ins Zimmer eines schlafenden Teilnehmers aus dem verfeindeten Nachbarland Armenien und erschlägt ihn im Schlaf. Die Obduktion wird ergeben, dass er ihn sechzehn Mal im Gesicht trifft und den Kopf fast vom Rumpf trennt. Danach macht sich Safarov auf den Weg, einen weiteren armenischen Soldaten im Gebäude zu töten. Bevor er in dessen Zimmer eindringen kann, wird er von der Polizei verhaftet. Ein ungarisches Gericht verurteilte Safarov 2006 zu lebenslänglicher Haft. Frühestens 2036 sollte er begnadigt werden können. Der Richter begründete das Urteil mit der Brutalität der Tat und dem Fehlen jeder Reue.“ (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ein-aserbaidschanischer-held/)

Außerdem sollen Berichte über die zahlreichen politischen Gefangenen, die Repressivität des totalitären Regimes untermauern, durch aufdringliche Bestechungsversuche gezielt von europäischen Gremien und der europäischen Öffentlichkeit fern gehalten werden:
The group published its findings in a May report titled "Caviar Diplomacy, How Azerbaijan Silenced the Council of Europe."
There has been a very conscious strategy of systematically inviting large numbers of parliamentary assembly members to various events in Azerbaijan," says ESI's director Gerald Knaus. "There has been a policy of gift-making. There has also, of course, been legitimate political lobbying. The end result has been a disastrous abrogation of the Council of Europe's core mandate, which is to criticize member states if they don't fulfill their obligations.
Knaus, Von Cramon, and others say Azerbaijan's aggressive lobbying is threatening PACE and undermining its credibility.
” (http://www.rferl.org/content/pace-azerbaijan-political-prisoners-lobbying/24730257.html)

Kritische Worte für solche Initiativen seiner alten Ölfreunde vom Alievregime sucht man bei Kassym-Jomart Tokajev genauso vergeblich, wie eine Distanzierung von der Kopfgeldaussetzung sowie dem Mordaufruf seitens des Aliyev Regimes gegen den Schriftsteller Akram Aylisli und die staatlich geförderte Bücherverbrennung in Aserbaidschan:
„Gegen den 75-jährigen Schriftsteller Akram Aylisli läuft derzeit eine Hetzjagd in Aserbaidschan. Ein Kopfgeld wurde verhängt, seine Bücher verbrannt, die Rente gestrichen und zum Mord gegen ihn aufgerufen. All' dies erfolgt nicht durch eine kleine rassistische Randgruppe, sondern durch den Diktator Ilham Aliyev persönlich, seiner Regierungspartei und der "modernen" Oppositionspartei."
(http://www.der-kosmopolit.de/2013/02/bucherverbrennung-und-hetzjagd-gegen.html)

Angesichts dieser Tatsachen ist es nur wenig verwunderlich, dass Tokajev sich zum Vorreiter der „Bedenken“ gegen das geplante Mahnmal, welches zwar armenische Inschriften aber nicht einmal „das heikle G-Wort“ enthält.

Neben der Türkei opponiert auch immer wieder deren kleiner Bruderstaat Aserbaidschan gegen jegliche Thematisierung der Verbrechen gegen das armenische Volk. Die engen Beziehungen, die Tokajev seit Jahren zu dessen Vertretern unterhält, scheinen direkten kausalen Zusammenhang zu seiner Einmischung in den Denkmalbau zu bilden.

Auch dass Herr Tokajev auch im eigenen Land wenig mit demokratischen Kräften anfangen konnte und gerne mal für einen Diktator in die Bresche springt, ist Kennern der Region bekannt: "K.-Z. Tokajew nahm an den Repressionen gegen die demokratischen Kräfte in Kasachstan teil. Am 20. November 2001 hält K. Tokajew auf Antrag des Präsidenten eine Fernsehansprache (Kanal Khabar-Kanal), in der er sich an den Präsidenten Nasarbajew wendet und ihn darum bittet, einige Regierungsmitglieder und einige Beamten, darunter Mukhtar Ablyazov, Galymzhan Zhakiyanov, Oraz Dzhandosov und andere, die sich in einem Land, in dem sich die politische Bewegung zugunsten einer „demokratischen Wahl Kasachstans‟ entwickelte, für die demokratischen Reformen ausgesprochen hatten, zu entlassen.

Nach der Einleitung der Strafverfolgung in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten Amerikas 1999 gegen den kasachischen Präsidenten und seines engsten Entourages (diese aufsehenerregende Korruptionsaffaire wurde Kazahkgate genannt) beauftragt Nasarbajew Tokajew damit, alle Mittel einzusetzen, um die Untersuchung fallen zu lassen – alle notwendigen politischen, ökonomischen und andere Schritte sind nützlich, um dieses Ergebnis zu erzielen. Tokajew wird auch damit beauftragt, für Nasarbajew einen neuen Anwalt zu finden. Zwischen 2002 und 2003 ist K. Tokajew mehrmals in die Schweiz gekommen, um das Problem mit den Schweizer Behörden zu lösen."
(http://www.viktor-khrapunov.com/de/publikationen/vk-13/)

Herr Tokajev, Sie haben durch diesen erwartbaren aber unglaublich dummen Steinwurf ein riesiges Loch in ihr dünnes Glashaus geworfen.

Samstag, 1. Juni 2013

Erdogan - Worst Of

Weil Mustafa Esmer im Mimagazin die Frechheit besitzt von "Erdoğan-Bashing der deutschen Leitmedien nervt" zu sprechen. (http://www.migazin.de/2013/06/14/das-erdogan-bashing-leitmedien/comment-page-9/#comment-43075)

Einmal in drei Jahren wird Kritik in unseren Medien an diesem Psychopaten geäußert und schon kommen Leute wie Sie, Herr Esmer, und wollen uns ernsthaft etwas von “Bashing” erzählen?
Meine persönlichen Negativhighlights seiner Herrschaft, in der er die Türkei von einer fehlerhaften im Entwicklungsprozess befindichen Demokratie in eine Ochlokratie verwandelt hat, habe ich im Folgenden zusammengefasst. Alles, was ich anführe, wurde von den "deutschen Leitmedien" (3sat und Phoenix zähle ich hier nicht mit) konstant ignoriert bzw. teilweise sogar erschreckend neutral relativiert. Die Liste ließe sich natürlich beliebig fortsetzen und stellt nur meine persönlichen Negativhöhepunkte der demagogischen Unperson Erdogan dar. Bislang wurde er von den deutschen Medien regelrecht mit Samthandschuhen angefasst und Watte gepackt. Man stelle sich einmal vor, Putin würde nur halb so stark auf den Putz hauen…wie große wäre dann wohl die Empörung? – Würden Sie dann auch von Putin-Bashing sprechen, Herr Esmer? Wohl kaum!!!

April 2011
Aufgrund eines Privatschamützels mit dem dortigen Bürgermeister, lässt Erdogan das Völkerverständigungsdenkmal von Kars (Nordosttürkei und Hochburg der lazischen Volksgruppe) trotz heftigem Widerstands der Bevölkerung und der Abgeordneten des Stadtparlaments von Kars abreißen:
(siehe u.a.: http://www.tagesspiegel.de/kultur/tuerkei-streit-um-kulturdenkmal-eskaliert/4095308.html)

Ende 2011
Türkische Schulbücher verumglimpfen die aramäische Minderheit als "Vaterlandslandsverräter".
(siehe: http://www.presseportal.de/pm/7846/2167216/steinbach-geschichtsfaelschung-in-tuerkischen-schulbuechern-ist-skandaloes)

Dezember 2011
Die türkische Luftwaffe begeht das Roboski-Massaker und tötet dabei 35 kurdische Zivilisten
(siehe: http://www.die-linke-hamburg.de/politik/diskussionen/detail/artikel/delegationsbericht-vom-massaker-in-roboskisirnak.html)

Januar 2012
Erdogan soll den Steiger-Award verliehen bekommen.
Kurz davor hat er in einem Interview die Straffreiheit durch Verjährung der Sivasbrandstifter von 1993 durch von AKP - und Gülenkadern domierte türkische Gerichte ausdrücklich begrüßt.
In Bochum erlebt Deutschland mit über 30.000 Teilnehmern eine der größten Demonstrationen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
(siehe: http://alevi.com/de/alevitische-gemeinde-deutschland-kundigt-grosdemo-gegen-erdoğan-an/)

Juni 2012
Die Türkei boykottiert Sitzungen während der zypriotischen EU-Ratspräsidentschaft
(siehe: http://www.welt.de/newsticker/news3/article106438209/Tuerkei-will-zyprische-EU-Praesidentschaft-nicht-anerkennen.html)

Juli 2012
Das 1600 Jahre alte syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel wird vom türkischen Staat, der nun keine Gewaltenteilung mehr kennt, zwangsentgneit.
(siehe: http://www.blu-news.eu/2012/07/10/turkei-enteignet-mor-gabriel/)

Dezember 2012
Der türkische Staat geht brutal gegen die friedliche Demonstration anlässlich der 34. Jährung des Marasmassakers vor.
(siehe: http://www.diekurden.de/news/nordkurdistan/tuerkischer-staatsterror-in-maras-5-verletzte-4119186/)

März 2013
Diplomatische Krise mit den Niederlanden
"Für die Türkei geht es um eine prinzipielle Frage. Wenn türkische Kinder überhaupt an Pflegefamilien gegeben werden müssen, dann nur an türkische."
(siehe: http://www.europeonline-magazine.eu/niederlande-und-tuerkei-streiten-um-pflegekind-yunus_271563.html)

April 2013 - Juni 2013
Immer wieder versucht Erdogan Kriegsstimmung gegen Syrien zu machen.
(siehe: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=19047)

Des Weiteren kommen (erpressungs-) diplomatische Krisen mit Schweden 2010 und Frankreich 2011 aufgrund der Anerkennung des Genozids an christlichen Minderheiten im osmanischen Reich, bei denen jeweils Diplomaten zurückbeordert werden, groß angelegte Boykottaufrufe gegen Waren aus den jeweiligen Staaten starten sowie mit der Abschiebung der völlig unbeteiligten armenischen Gastarbeiter gedroht wird.

Dienstag, 23. April 2013

Morgenthau – Eine andere Sichtweise auf einen abgewendeten deutschen Alptraum

Wieder schreiben wir morgen den 24.April, wieder werden an diesem hierzulande kaum bekannten Gedenktag vermutlich keine Fernsehberichte über den ersten Völkermord des 21.Jahrhunderts an den christlichen Minderheiten im osmanischen Reich zu sehen sein.

„Der wahre Zweck der Deportation war Raub und Zerstörung, diese war in der Tat nichts anderes als eine neue Methode der Ausrottung. Als die osmanischen Behörden den Auftrag zu diesen Deportationen gaben, so sprachen sie das Todesurteil gegen ein ganzes Volk aus, sie wussten dies genau und das gut und versuchten das auch in unserer Anwesenheit nicht zu verstecken“ [Henry Morgenthau, Ambassador Morgenthau’s Story (New York: Doubleday, Page & Co.: 1919), pp. 307-309, 321-323]

Wir alle, und da kann ich wohl für jeden deutschen Staatsbürger sprechen, sind heute zurecht froh darüber, dass sich der Plan des US- Amerikanischen Finazministers Henry Morgenthau bzgl. des deutschen Werdegangs nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchsetzen konnte und wir stattdessen bis heute von den positiven Auswirkungen des Marshallplans profitieren dürfen. Heute lernen Schüler aller Schulformen sehr ausführlich, was der Marshallplan bedeutete. Zum Morgenthauplan hingegen wird nur gesagt, dass er einen nie zur Realisierung vorgesehenen Gegenentwurf zu diesem darstellte, der die Herunterwirtschaftung Deutschlands zu einem reinen Agrar – und Bauernstaat vorsah.
Wer Henry Morgenthau überhaupt war und was ihn zum Entwurf einer derart drastischen Maßnahme und zu seinem späteren Buch „Germany Is Our Problem“ bewegte, darüber lernen wir nichts, nicht einmal in Vorlesungen oder Seminaren an unseren Universitäten. Henry Morgenthau jr. war der Enkel jüdischer Einwanderer aus dem deutschen Mannheim. Sein Vater war zwischen 1913 und 1916 US-Botschafter in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. 1918 verfasste er einen Bericht über seine Erfahrungen dort.
Zwischen Kapitel 14 und 18 beschreibt er darin ausführlich und detailliert, wie er Zeuge des Völkermordes an den Armeniern wurde.
Hier der Link zum Buch:
Gesamtübersicht: Ambassador Morgenthau's Story
Kapitel 14: Ambassador Morgenthau's Story


Aus diesem Bericht stammt auch zu Beginn angeführtes Zitat. Wir halten also fest das Henry Morgenthau jr. mindestens durch Erzählungen seines Vaters Zeuge des ersten Völkermordes des 20. Jahrhunderts geworden sein musste und ebenso wie bei seinem Vater – das wird aus o.g. Bericht klar deutlich – haben wohl auch bei ihm die Greueltaten der Jungtürken bleibenden Eindruck hinterlassen. Das deutsche Kaiserreich war bekanntlich im ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet und lieferte Technologie, Infrastruktur und militärische Unterstützung für die systematischen Massaker an christlichen Minderheiten.
Die Ignoranz und Gleichgültigkeit des kaiserlich-deutschen Botschafters im Osmanischen Reich beschreibt Morgenthau Sr. in Kapitel 17 seines Berichts: Ambassador Morgenthau's Story.
So werden auch im deutschen Reich Presseberichte über die, bis zum diesem Zeitpunkt beispiellosen und in dieser Größenordnung noch nie dagewesenen ethnischen Säuberungsmaßnahmen, zensiert und erst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg publik. Viele osmanische Kriegsverbrecher entgehen einer Auslieferung an die Alliierten indem sie sich ins Exil nach Deutschland flüchten. Prominentestes Beispiel hier ist sicherlich Talât Pasa, der am 15. März in der Hardenbergstraße in Berlin-Charlottenburg von Soghomon Tehlirian erschossen wird.
Das Protokoll zum Prozess gegen Tehlirian findet man hier:
Trial of Soghomon Tehlirian

Doch auch u.a. das osmanische Pendant zu Adolf Eichmann, Dr. Baheddin Cakir, findet in Berlin Zuflucht. Beide o.g. Massenmörder und Kriegsverbrecher werden bis heute auf dem türkischen Friedhof der von der DITIB betriebenen Berliner Sehitlik-Moschee verehrt – Ein Skandal!

Bild aus dem Reisebericht Armin T. Wegners

Man muss wissen, dass der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. nicht nur Kriegsverbündeter sondern auch ein persönlicher Freund von Talât war. Eben jener Kaiser, der Deutschland und die Welt in einen verheerenden Weltkrieg stürzte und vom seinem Exil aus Briefe schrieb, in denen er „das Volk Judaä“ für seine Kriegsverbrechen verantwortlich machte. Wir halten also fest Morgenthau Sr. und Morgenthau Jr. erleben, wie die Welt von deutschem Boden aus in einen Krieg gestürzt wird. Sie werden als Diplomatenfamilie hautnah Zeuge wie erstmalig im 29. Jahrhundert ein ganzes Volk systematisch und mit akribisch kalkulierter ethnisch motivierter Grausamkeit auf seinem seit mehr als einem Jahrtausend angestammten Siedlungsgebiet quasi ausgerottet wird. Sie erleben wie die Täter ihren Strafen entgehen, lediglich in Abwesenheit verurteilt werden, ohne dass je ein Urteil vollstreckt würde, wie die wenigen überlebenden anatolischen Armenier 1923 durch die Konferenz von Lausanne und die Rücknahme der Gründung der Republik Hayastan nun endgültig aus ihrer Heimat fliehen müssen und gleichzeitig im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg antisemitische Demagogen peu à peu immer mehr Zulauf bekommen. Haben schon damals die bei den Morgenthaus die Alarmglocken geläutet? – Ich kann nur mutmaßen, aber es erscheint mir logisch. Als die Welt 1938-1945 ein zweites Mal und diesmal noch verheerender und grausamer von deutschem Boden aus in Brand gesetzt wird, dürften die schlimmsten Befürchtungen der deutsch-jüdischen Migrantenfamilie eingetroffen sein. Übertroffen wurden sie zweifelsohne als das ganze Ausmaß der Tragödie und Grausamkeit bei Eintreffen der alliierten Streitkräfte in den KZs deutlich wurde.

Eine nicht für möglich gehaltene grausame technokratische Weiterentwicklung der Ereignisse im osmanischen Reich war Realität geworden, die Shoah hatte stattgefunden und diesmal war das Volk der Morgenthaus, die wenige Jahre zuvor unmittelbare Zeugen der niemals geahndeten und mit kaiserlich-deutscher Unterstützung durchgeführten Verbrechen der jungtürkischen Führung des osmanischen Reichs an seinen christlichen Minderheiten wurden, selbst Opfer eines nun noch kaltblütiger und technokratischer durchgeführten Völkermordes, einem fatalen Déjà-Vu der Weltgeschichte. Weiterführend möchte ich hier empfehlen, sich der Lektüre Jean-Marie Carzous "Un génocide exemplaire" zu widmen.
Ich erinnere mich an einen Satz, in dem ein ehemaliger Geschichtslehrer einmal den Morgenthauplan abtat: "Der Morgenthau das war ein ganz radikaler Deutschenhasser". - Bei genauerer Betrachtung eine unhaltbare und reißerische Parole.

Mittwoch, 27. März 2013

Unglaubliche Dämlichkeiten beim Thailänder, die Heilkräfte russischer Babkas und Aleviten im Salat oder Ganz alltägliche Begegnungen mit den Bildungslücken und Vorurteilen des deutschen Bildungsbürgertums

Es ist Samstagabend in einer beschaulichen mittelhessischen Kleinstadt mit Bischofssitz. Dass der alte Bischof um Längen besser war als der Neue ist hier zurecht allgemeiner Konsens und spricht sehr für die Domstadt. Ich möchte mir also einen ruhigen und gemütlichen Abend beim Thailänder machen und freue mich auf den im Anschluss geplanten Kinobesuch. Der erste Wehrmutstropfen: Die Heizung ist kaputt, draußen sind es -8°C. Ich muss mich also umsetzen, um die wenige aber dafür gebündelte Wärme des provisorisch aufgestellten Heizlüfters zu nutzen, damit ich mich nicht erkälte. Am Tisch neben sitzen zwei Paare.
Eines der beiden Anfang 50, das andere deutlich jünger, so Anfang 20 und offenkundig, das wird aus den Tischgesprächen deutlich, zwei Lehramtsstudenten. Die Gruppe ist zu viert dort. Bis sie das Restaurant verlassen, kann ich nicht zuordnen, ob das ältere Paar seine Eltern sind oder ihre. Sie führen eine Unterhaltung in einer, gelinde gesagt, für die Nachbartische störenden Lautstärke. Keiner, auch ich nicht, beschwert sich; „Leben und leben lassen“ heißt es ja schließlich. Stattdessen lausche ich, was sie so zu sagen haben.
Die USA werden für ihre Irakpolitik harsch angegangen. – Eine Ansicht, die ich noch irgendwo teilen kann, bevor mir nach und nach übel wird. Man unterhält sich über das russische Gesetz, welches die Adoption von russischen Waisenkindern durch Familien in den verbietet USA. Wortführerin ist unangefochten der weibliche Part des älteren Pärchens.
- „Die Russen haben keine Probleme damit ihre Kinder wegzugeben. Die Russen sind ein sehr menschenverachtendes Volk“, poltert die Dame.
– Ca. 200 Millionen Russen – die Bevölkerung Russlands ist etwas geringer, zählt man aber jene mit, die in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken leben, kommt man ungefähr auf diese Zahl - , alle menschenverachtend? So ein Unsinn! Wenn dem so wäre dürfte es ja gar keine russischen Menschen mehr geben. Zweifelsohne auch ein Produkt der undifferenzierten und durchweg negativen Russlandberichterstattung in den Nachrichtensendungen der deutschen Mainstreammedien. Meiner Erfahrung nach, und das dürfte jeder, der mit Vertretern dieses Kulturkreises zu tun hat oder einmal Russland bereist hat, bestätigen können, lieben viele Russen ihre Familien weit über das Verständnis der westlichen Industrienationen von Liebe und Loyalität, hinaus und viele Europäer könnten sich gerade in punkto emotionale Wärme hier ein Beispiel an ihnen nehmen.
Einige etwas leichtere Gesprächsthemen weiter und ca. 15 Minuten später fängt die bereits erwähnte Dame, eine Bankangestellte in leitender Position, an, über ihren Chef herzuziehen. Nun ja, bis dahin nichts Ungewöhnliches – Welche/r Angestellte tut dies nicht. Bemerkenswert bis ekelerregend ist vielmehr die Art und Weise, in der sie es tut.
- „Mein Chef, den sie mir da jetzt vorgesetzt haben, der ist Holländer. Ey, der hat neulich einen Brief geschrieben, der an ne andere Filiale gehn sollte. Den hab ich nur durch Zufall auf meinem Schreibtisch gehabt. Ich hab in jedem Satz 20 Fehler korrigiert und dann hat der das in einem Tuckendeutsch geschrieben. Ne! Das konnt man net abschigge. Wenn die Käsköpp schon hier arbeidde, dann sollen sie wenigstens deutsch können.“
Ich denke bei mir: Dass das Beherrschen der deutschen Sprache meist eine notwendige Voraussetzung zur Partizipation am Erwerbsleben hierzulande ist, steht natürlich außer Frage. Aus den Worten der Dame spricht jedoch der blanke Neid, den sie in einer Form latenten Rassismus gegen Niederländer äußert, wie man sie bei den Generationen 45+ leider noch sehr häufig vorfindet. Eine gewisse Verbitterung über die wahrscheinlich höhere Gehaltsklasse ihres Chefs ist ebenso evident. Auch ich habe geschäftlich nicht selten mit Kunden in den Niederlanden zu tun und bin immer wieder beeindruckt, wie weit verbreitet dort die deutsche Sprache, trotz der nationalsozialistischen Greueltaten am holländischen Volk, heute dort ist, wie offen und ressentimentlos man mir dort begegnet und vor allem wie grammatikalisch oft makellos die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift erfolgt – von spitzenmäßigen Englisch der Mehrheit der Holländer mal ganz zu schweigen!
Man muss also davon ausgehen, dass die Dame von Neid, Frust und Rassismus getrieben, hier eine verzerrte Wahrnehmung bzgl. der Fähigkeiten ihres Vorgesetzten im Hinblick auf seine Fähigkeiten in der deutschen Sprache, hat und davon sogar derart überzeugt ist, dass sie sich nicht schämt, damit ein ganzes Restaurant zu unterhalten. Ob andere Gäste dies hören wollen oder nicht scheint ihr egal zu sein. So merkt sie nicht einmal, wie ein junger Mann, der in weiblicher Begleitung am Tisch schräg gegenüber von sitzt, sich im Moment o.g. Äußerung zu ihr umdreht, mit den Augen rollt und kopfschüttelnd ein Gespräch mit seiner Begleitung beginnt. Ein Statement, wie es um ihre Kenntnisse der niederländisch-flämischen Sprache steht, bleibt die Bankangestellte natürlich schuldig. Natürlich habe ich mir nichts anmerken lassen, der Appetit am ansonsten überaus leckeren Essen, war mir allerdings vergangen.
Freundlich, höflich und zuvorkommend verabschiedete sich die Dame bei mir, als die vier das Restaurant verließen. Ich entgegnete ebenso mit meinem breitesten Lächeln, ließ es mir aber nicht nehmen durch das Wünschen einer „Spakoinoi nochy“ noch eine kleine aber feine Spitze zu verteilen. Ich weiß es nicht, aber meine an ihrer Mimik erkannt zu haben, dass sie genau verstanden hat, worauf ich durch die Verwendung der russischen Sprache anspielte.
Nun, solch verwirrte Menschen gibt es wohl überall. Für hoch problematisch sehe ich aber im Wesentlichen zwei Aspekte an:
1.) Keiner der 3 Tischgenossen widersprach ihr in irgendeinem Punkt oder relativierte auch nur ihr Parolen und Hasstiraden. Sie scheint also eindeutig als Meinungsbildnerin und Macherin in dieser Familie zu agieren und genießt diesbezüglich eine fatale Autorität, die ihre mehr als bedenklichen Ansichten wuchern lässt.
2.) Die Dame und ihre 3 Begleiter waren keinesfalls irgendwelche dahergelaufenen Bomberjacken tragenden Hobbyglatzen. Ganz im Gegenteil, sie wiesen alles ein sehr gepflegtes Erscheinungsbild auf, bedienten sich nicht selten gehobener Wortwahl und wiesen bei anderen Gesprächsthemen eine profunde Kenntnis des deutschen Bildungswesens sowie in punkto Kunsthistorie auf. Solche Ansichten bei derart gebildeten Menschen? Dabei soll doch Bildung eigentlich das Allheilmittel gegen rechtes und rassistisches Gedankengut sein. Aber würde diese Dame überhaupt merken, dass sie derartiges Gedankengut verbreitet?
Die Antwort ist ein klares NEIN!
Warum? Weil Bildung in diesem Kontext wertlos ist, wenn sie keine Aufklärung beinhaltet. Rechtsradikalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden seit einigen Jahren in den deutschen Medien und parteiübergreifend von hochrangingen Politikern komplett und ausschließlich auf Islamphobie und Hass gegen türkischstämmige Migranten beschränkt. Diese beiden Aspekte sind zweifelsohne auch große Problem in der deutschen Gesellschaft, das komplette Phänomen aber darauf zu beschränken, ist aber einfach dumm und gefährlich.
Das Produkt einer solchen Meinungsmache sind Ansichten, wie sie bei der o.g. Dame vorherrschen. Über die Formen von Rassismus, die sie äußert, regt sich skandalöserweise auch niemand wirklich auf. Holländer durch den Kakao zu ziehen ist doch in Deutschland total lustig und bei nahezu jeder Gelegenheit gesellschaftsfähig – schließlich haben die Bösen Rudi Völler angespuckt…Wer nicht rafft, dass der letzte Satz ironisch gemeint war: EINFACH DIE FRESSE HALTEN!
Nach den Erfahrungen dieses Abends muss folgende unbequeme Frage einmal gestellt werden:
Wenn Mohammed Karikaturen einen riesen Medienrummel erzeugen und tagelang in allen Nachrichtensendungen sowie Bestandteil diverser Polittalks sind, warum wird eigentlich so rein gar nicht über den insbesondere vor 1965 geborenen Deutschen vorhanden Hass gegen Mitmenschen aus den Niederlanden ? – Man mag mir vorwerfen, der Vergleich hinke. Dem ist aber mit Nichten so, In punkto Verhältnismäßigkeit liegt bei der hiesigen Berichterstattung einiges im Argen. Und dass die meisten Holländer die dämlichen deutschen Ressentiments mit Humor nehmen, spricht auf ein Neues für die Holländer, nimmt aber zweifelsohne rassistischen Äußerungen wie jenen besagter Bankangestellter nicht die Brisanz.
Um hier Kritik vorzubeugen: Berichte, die zu einer kontroversen Debatte über die Verletzung religiöser Gefühle, egal welcher Glaubensrichtung oder Konfession, führen, müssen natürlich Bestandteil unserer Medienlandschaft bleiben.
ABER: Das Thema Rassismus ist zu komplex, um darauf beschränkt zu werden. Schon in einem früheren Thread habe ich vor dem was jetzt kommt unter einer Fokussierung auf andere Sachverhalte gewarnt.
Welche katastrophalen Auswirkungen die negative Russlandberichterstattung von ARD-Tagesschau, ZDF-heute und RTL Aktuell hat, beweist nicht nur die Dame aus dem Restaurant. Auch war ich über Jahre extrem über die Äußerungen einer guten Bekannten, die ich privat sehr schätze, die aber keine Gelegenheit ausließ, sich abfällig über Russen und andere Vertreter slawischer Völker zu äußern, teilweise schockiert und teilweise sogar regelrecht erbost.
Auch da fielen Äußerungen wie „Die sind alle ekelhaft“, „Menschenverachtendes, brutales Volk“…und der ganze klischeehafte rassistische Nonsens über „die Russen“ und Russland, der es leider heute geschafft hat nicht nur gesellschaftsfähig zu sein sondern sogar in weiten Kreisen des deutschen Bildungsbürgertums als schick zu gelten. Meine Bekannte verfügt übrigens über ein abgeschlossenes Studium und arbeitet in leitender Funktion im technischen Bereich bei der deutschen Filiale eines amerikanischen Weltunternehmens. Hier allerdings freue ich mich sehr, dass sie diese Ansichten inzwischen nicht mehr vertritt. Der Grund dafür ist eine recht schwere, aber niemals lebensbedrohliche Krankheit bei ihr. Sie fuhr über zwei Jahre lang von einem Arzt zum anderen. Aber die Schulmedizin konnte keine Abhilfe, ja nicht einmal eine definitiv verlässliche Diagnose stellen. Durch eine Arbeitskollegin wurde ihr eine russische Babka empfohlen (eine Art traditionelle russische Naturheilkundlerin). Sie behandelt sie bis heute im Behandlungsraum ihrer Wohnung und hat das geschafft, was 4 regional im Rhein-Main-Gebiet sehr angesehene Schulmediziner nicht vermochten. Die körperlich vorher klar sichtbaren Symptome sind bereits vollständig weg. Auch ihre vorher ausschließlich durch die Medien geprägte Sichtweise auf Väterchen Russland und seine Kinder hat sich zum Glück nun um 180° gedreht.
Doch solche Erfahrungen sind leider lange nicht jedem vergönnt und wer nicht die Gelegenheit hat sie zu machen sowie auch jeder andere, lese bitte Folgendes, um nicht alles zu glauben, was die Massenmedien versuchen uns zu suggerieren. Ich möchte mich nun der himmelweit unterschiedlichen medialen Aufmerksamkeit bzgl. zweier Ereignisse widmen, wie sie artverwandter kaum sein könnten: Im Gegensatz zur in einem früheren Thread beschriebenen Ausschlachtung des Pussy-Riot-Prozesses und der damit verbundenen Stilisierung von Grobem Unfug zu revolutionärem Freiheitskampf, muss sich die russische Legislative sicherlich ein gewisses Maß an Kritik für sein Gesetz gefallen lassen, welches die Adoption russischer Waisen durch US-Bürger untersagt. Dieses Thema lief über eine ganze Woche durch alle Nachrichten -, Politik-, und Gesellschaftssendungen auf RTL, ZDF und ARD. Dafür dass dieses Gesetz für Deutschland keinerlei Bedeutung hat, sondern allenfalls für den an den Kalter-Krieg-Reloaded-ähnlichen Beziehungen ganz und gar nicht unschuldigen großen Bruder aus den USA, ist das verdammt viel Sendezeit.
Ganz zu schweigen davon, dass natürlich nur Russland kritisiert wurde und die USA nahezu vollkommen kritiklos davon kamen, was der Sache nicht gerecht wird. Schon das türkische Pendant zum Pussy-Riot-Prozess, die lächerliche Anklage gegen den Pianisten Fazil Say, fand hierzulande nur in den Printmedien ein wenig Beachtung.
Nun aber geht es um ein Thema, das äquivalenter zum russischen Adoptionsgesetz nicht sein könnte. So hat es sich die türkische Regierung auf die Fahnen geschrieben, einer türkischen Mutter dabei zu helfen, ihren bei einem lesbischen Paar in den Niederlanden lebenden Sohn, den sie zur Adoption frei gegeben hat, zurückzuholen.
Die Welt berichtete am 18.03.2013 wie folgt:
- „Die Regierung in Ankara setzt sich vehement für eine Rückkehr des Jungen zu seiner leiblichen Mutter ein. Eine türkische Parlamentskommission für die Menschenrechte will ermittelt haben, dass etwa 5000 Kinder türkischer Herkunft europaweit in "fragwürdigen" Familienverhältnissen lebten. Damit sind christliche und schwule Adoptiveltern gemeint. Am Donnerstag besucht der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan den niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, Chef einer konservativ-sozialen Koalition, und dabei dürfte Yunus Thema werden. Yunus wurde 2004 kurz nach seiner Geburt mit Kopfverletzungen und einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus eingeliefert. Seine Mutter behauptete, er sei gefallen. Das Haager Jugendamt glaubte ihr nicht. Auch die älteren Geschwister von Yunus, Arif und Halil, wurden von den Behörden wegen Misshandlung und erzieherischer Mängel ihrer Eltern für die Adoption durch andere lesbische Paare freigegeben. Die Mutter entführte Arif und Halil daraufhin und brachte sie zu den Großeltern in der Türkei. Ein niederländischer Richter verurteilte die türkischen Eltern deshalb zu einer Haftstrafe und sorgte dafür, dass die Kinder an die Nordsee zurückkehrten, wo sie jetzt noch immer leben.“ http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article114525880/Erdogan-Keine-muslimischen-Kinder-fuer-lesbische-Paare.html

Man muss sich das mal überlegen. Es handelt sich hier nicht um ein unbedeutendes Schamützel zwischen zwei übrig gebliebenen Alten Kriegern! Die Regierung in Ankara gibt sich offen rassistisch gegen die mehrheitlich christlichen Adoptiveltern Europas, unverhohlen homophob gegen homosexuelle Paare, die die Größe und Güte besitzen Waisenkindern oder Kinder deren Eltern sie, aus welchen Gründen auch immer abgeben mussten, ein neues Zuhause zu geben. Heute vermeldeten die „Deutsch-Türkischen-Nachrichten“, dass die Regierung Erdogan sogar den Europäischen Menschrechtsgerichthof mit einer Klage, in der sie ein Recht auf türkischstämmig-muslimische Adoptiveltern für Adoptivkinder aus der Türkei fordert, belästigen wird. Das könnte auch hunderte, wenn nicht sogar tausende Adoptiveltern in Deutschland betreffen.
Wer jedoch meint, dieser neuerliche Akt des Rassismus, der Homophobie und Menschenverachtung der Regierung Ankara, der nicht zuletzt durch den Gang nach Den Haag einen Teil unser aller Steuergroschen fressen wird, sei dem deutschen TV eine Meldung wert, ist auf dem Holzweg. Zu groß scheint a) der Einfluß türkischer Lobbys und b) die Angst vor tobenden türkischen Verbänden, die bei jedem Anflug von leisester Kritik die Nazikeule schwingen, fällt diese Meldung doch mit dem Start des Prozess gegen Beate Tschäpe zusammen und ist es doch viel politisch korrekter, 24/7 das OLG München für seine zugegebenermaßen mehr als unglückliche Entscheidung, türkischen Medienvertretern den Zugang zum Prozess zu verwehren, nieder zu machen.
Zu welcher Form von Rassismus gegenüber Russland diese bis zur Unkenntlichkeit verfälschten Bilder der Medien führen, habe ich ausführlich erläutert. Auch wird durch das nahezu vollständige Ausbleiben von Kritik an der Türkei, die nur als faszinierendes und wunderbares Urlaubsparadies dargestellt wird, was sie zweifelsohne auch ist, wird die Sensibilität gegenüber dem, was dort gerade passiert und was durch regierungsabhängige türkische Vereine nach Deutschland hineingetragen wird, die Sensibilität gegenüber der Dimension und Tragweite eines Gesetzes, wie es Ankara in punkto Adoption vorsieht, vollkommen abgetötet.
Hier greift die mit überwältigender Mehrheit wiedergewählte Regierung EU-Anwärter über Jahrhunderte mühsam erworbene Grundwerte von Toleranz und Menschlichkeit an, die es zu bewahren gilt und bekommt dafür viel Applaus im eigenen Land sowie bei türkischstämmigen Migranten in Europa. Wenn „Liderin Lideri“ (Führer der Führer), wie viele Erdogananhänger ihn mittlerweile nennen befiehlt, scheint ein leider immer größer werdender Teil seiner Landsleute ihm auch in die noch so absurdesten Unternehmungen zu folgen. An die mediale Nichtbeachtung der katastrophalen Minderheitenlage im Staat zwischen Bosporus und Euphrat hat man sich traurigerweise ebenso bereits gewöhnt wie daran in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft als Rechtsradikal zu gelten, wenn diese auch nur fragmentär anschneidet.
Neulich noch meinte ein guter Freund mit Abitur und gehobener kaufmännischer Ausbildung zu mir, ich weise ja schon durch meine Kritik an der Türkei – hier liegt schon das erste Fehler, da ich niemals die Türkei als Ganzes, deren Gastfreundschaft, Sprache, Musik, kulinarische Genüsse und touristische Attraktivität ich sehr schätze, kritisiere, sondern mir große Mühe gebe, die korrekten Terminologien türkische Regierung sowie staatlich-türkische Minderheitenpolitik zu verwenden - rechte Tendenzen auf. Darauf ging ich nicht weiter ein und fragte ihn, um die Differenziertheit seiner Aussage zu verifizieren, ob er wisse, wer oder was Aleviten seien und ob er deren Geschichte kenne. Er entgegnete mir ernst, ungelogen, ohne Scham und sich selbst dabei nicht bewusst, was für eine Bildungslücke er im Zuge war zu offenbaren: - „Ja, die sind manchmal im italienischen Salat. Ich esse die aber nicht gerne, das sind, glaube ich, Nachtschattengewächse, oder? Aber wie kommste drauf und was hat das jetzt mit der Türkei zu tun?“

Sonntag, 13. Januar 2013

Die schwarzen Wochen zwischen dem 28.12.2012 und dem 12.01.2013 Von Menschen zweiter Klasse, einer alles andere als blinden Justizia, neuen Dimensionen von Gewalt in Europas Mitte und haufenweise unbeantworteten Fragen

Als ich am 29.12.2012 meinen Blogeintrag zur Förderung türkischen Importrassismus veröffentlichte, war mir noch nicht klar, dass bereits einen Tag zuvor eine neue Stufe der Gewalt erreicht wurde. Während die Gewalt vor genanntem Datum vorwiegend in der Unterdrückung von Trauerbekundungen gegenüber armenischen, aramäischen, griechischen und vor allem kurdischen Opfern staatlich türkischer Gewalt und deren unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit geäußerten Verunglimpfung, zum Ausdruck kam, was an sich schon schlimm genug ist, begann an jenem 28.12.2012 mit der bestialischen Ermordung von Maritsa Kücük eine neue Welle rassistisch motivierter Anschläge und Morde.

Albert Camus hat einmal gesagt: „Wenn du etwas über ein Land lernen willst, dann schau dir an, wie die Menschen dort sterben.“ Lernen wir also ein wenig über den Staat zwischen Bosporus und Euphrat, das „liberal-islamische Musterland“, „das Wirtschaftswunderland mit EU-Ambitionen“, „den treuen und verlässlichen NATO-Partner“, „das Urlaubs – und Auswandererparadies zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer“.

Die 84-jährige Armenierin wurde in Istanbul tot aufgefunden und muss unvorstellbare Qualen erlitten haben. Wie einst die osmanischen Völkermordstruppen mit ihren christlichen Opfern verfuhren, so brandmarkten der oder die Täter sie mit einem in ihre Brust geritzten Kreuz. An dieser Stelle muss bereits erwähnt werden, dass zwischen 2007 und dem heutigen Tage weitere 5 Menschen armenischen Ursprungs in der Türkei rassistisch motivierten Morden zum Opfer fielen. Bezeichnend ist, dass lediglich eine der Bluttaten aufgeklärt und der Mörder gefasst wurde.
Alle anderen sind auf freiem Fuß und es stellt sich die Frage, ob hier tatsächlich ermittelt wird. Sollte dies nicht der Fall sein, liegt der Verdacht nahe, dass die Morde mindestens mit staatlicher Duldung, wenn nicht sogar mit staatlicher Förderung geschehen sind:
- 19.01.2007: Der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink wird, nachdem er jahrelangen Drohgebärden seitens rechtsgerichteter türkischer Kräfte vom bekennenden Rassisten Ögün Samast auf offener Straße erschossen. Das von ihm herausgebrachte wöchentlich erscheinende Journal AGOS hat sich für offen für die Rechte der ca. 70.000 Armenier mit türkischer Staatsbürgerschaft sowie für eine offene Debatte über den grausamen und systematisch durchgeführten Genozid zwischen 1896 und 1923 eingesetzt. Der Fall wurde populär. Es gab damals in der Türkei zahlreiche Solidaritätsbekundungen mit Hrant Dink und den Armeniern, aber leider ebenso zahlreiche Aufmärsche die mit dem Mörder sympathisierten. Samast wird der Prozess gemacht und er wird verurteilt.
- Juli 2010: die schwangere in London lebende armenische Staatbürgerin Anna Davtyan bricht am 15.07.2010 zu einer Reise nach Dubai auf. Bei ihrem Zwischenstop in der Türkei wird sie verschleppt und zu Tode gequält. Die Mörder befinden sich auf freien Fuß. Es ist fraglich, ob tatsächlich ermittelt wird.
- 24.04.2011: Sevag Balikci, Gefreiter der türkischen Armee und armenischen Ursprungs, wird am Gedenktag des Genozids in der Kaserne, in der er stationiert war, durch einen gezielten Todesschuss hingerichtet. Die Mörder befinden sich auf freien Fuß. Es ist fraglich, ob tatsächlich ermittelt wird. Innerhalb einer Armeekaserne dürften sie im Grunde genommen nicht weit gekommen sein…Werden die Täter durch den „Tiefen Staat“, der hochranginge Militärs in seinen Reihen weiß, gedeckt?
- 30.07.2011: Der 74-jährige armenischstämmige US-Amerikanische Tourist Arman Azak wird in seinem Hotelzimmer im türkischen Bodrum durch mehr als 30 Messerstiche getötet. Man findet ihn in einer riesigen Blutlache. Es fehlen keinerlei Wertgegenstände. Die Mörder befinden sich auf freien Fuß. Es ist fraglich, ob tatsächlich ermittelt wird.
- 28.12.2012: Die 84-Jährige Maritsa Kücük wird in ihrer Wohnung in Istanbul auf bestialisch, wie oben beschriebene Weise, ermordet aufgefunden.
- 10.01.2013: Das zweite armenische Opfer der schwarzen Wochen heißt Ilker Sahin und war Grundschullehrer an der armenischen Aramyan Uncuyan Schule, im Istanbuler Stadtteil Kadiköy. Haypress berichtete: „Kollegen von Sahin fingen an sich Sorgen zu machen, als dieser seit dem orthodoxen Weihnachtsfest am 7. Januar drei Tage in Folge nicht zur Arbeit erschien. Nach unbeantworteten Telefonanrufen fuhren Sahins Kollegen schließlich zu seiner Wohnung und alarmierten die Polizei, die später das Haus betrat und die Leiche des Armeniers mit durchtrennter Kehle vorfand. Es wird vermutet, dass Sahin einige Zeit mit dem Täter, oder den Tätern, gekämpft haben muss. Die Polizei schloss die Möglichkeit von Mord während eines Raubüberfalles aus.Sahin arbeitete seit neun Jahren an der armenischen Schule. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch dieser Mord auf ethnischen und rassistischen Motiven beruht. Eine ältere armenische Frau wurde vor zwei Wochen in der Türkei ermordet, auch ihre Kehle war durchgeschnitten und ihr wurde ein Kreuz in die Brust geritzt. Ein weiterer Angriff gegen eine ethnische armenische Frau erfolgte Anfang letzten Jahres. Die Frau überlebte, verlor bei dem Mordversuch jedoch ein Auge. Es gibt derzeit keine Anzeichen, dass die Polizei in Istanbul diese drei Morde mit einander in Verbindung bringt.“

Warum sind die Mörder auf freiem Fuß? Ist die Aufklärung von Morden an Angehörigen ethnischer Minderheiten in der Türkei kein Verbrechen? Wie sind diese Morde und die Untätigkeit der Türkei in punkto Ermittlungen vor dem Hintergrund der nunmehr seit über einem Jahr ausstehenden Aufklärung des Roboski-Massakers zu bewerten? Wie groß ist der latente Rassismus innerhalb des türkischen Militärs, Polizeiapparats- und Justizministeriums, dass man hier unverhohlen und ohne Scham den Verdacht erweckt, zwischen Menschen erster und zweiter Klasse zu unterscheiden?

Doch der rassistische Terror findet nicht nur in der Türkei statt. Ebenfalls am 10.Januar 2013 werden die kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansız, Fidan Dogan und Leyla Söylemez in Paris brutal hingerichtet. Von türkischer Seite wird, wie üblich, sofort alle Schuld von sich gewiesen und die stereotype gebetsmühlenartig heruntergebetete Abwehrhandlung „Das war die PKK“ kommt durch Ministerpräsident Erdogan zum Ausdruck. Letztendlich macht Erdogan das, was von türkischer Seite seit Jahrzehnten exerziert wird. Bei jedwedem Anflug von Kritik stigmatisiert man sich in die Opferrolle und verweist auf andere.
Die Tatsachen, dass sich einen Tag später ein Anschlag auf ein kurdisches Büro in Wien ereignet, bei dem zum Glück keine Todesopfer zu beklagen sind und dass die französische Polizei entlang des Weges den mehrere hunderttausend aus ganz Europa angereiste kurdische Demonstranten am Nachmittag des Samstag, den 12.Januar nehmen sollten, eine Autobombe entschärft, machen diesen Erklärungsansatz unplausibel. Könnten es sich die Nutznießer der Inhaftierung Abdullah Öcalans innerhalb der verbotenen PKK, die ebenso Motive hätten, durch die Ermordung der drei Aktivistinnen die Verhandlungen zwischen türkischer Regierung und Öcalan zu torpedieren, wirklich erlauben, durch einen Autobombenanschlag derartig brutal und skrupellos gegen die zivile Menschen des Volkes, das sie zu repräsentieren wünschen, vorzugehen?
Erdogan hat bei seiner Mitteilung und Schuldzuweisung folgende historisch wiederholt aufgetretene Regel außer Acht gelassen: Eine Revolution, die ihre Kinder fräße, müsste erst einmal erfolgreich gewesen sein.
Als Beispiel dafür sei der Werdegang der baskischen ETA erwähnt. Wir müssen, wenn wir von der PKK reden, deren Terroranschläge es natürlich aufs Schärfste zu verurteilen gilt, aber einige Tatsachen berücksichtigen, die zumindest ihre Existenz und ihr Fortbestehen relativieren. So gründete sie sich 1984 erst, als das kurdische Volk bereits in Folge einer bis heute andauernden grausamen ethnischen Assimilationspolitik unvorstellbares Leid durch den türkischen Staat erlitten hatte. Hier haben Atatürk und alle seine Nachfolger bei den Jungtürken, die nahezu alle christlichen Minderheiten auf türkischem Staatsgebiet ausgerottet haben, nahtlos angeknüpft und tun es noch heute.
Hierbei sei ausdrücklich auf die hierzulande von der Öffentlichkeit nahezu nicht wahrgenommenen oder bewusst durch mediale Nichtbeachtung in Vergessenheit gedrängten Massakern von Zîlan (1930), bei denen ca. 250 kurdische Dörfer vernichtet wurden, mindestens 5000 Menschen starben und die dafür verantwortlichen Generäle bis heute als Volkshelden verehrt werden, den Dersimmassakern (1936-1938), mit rund 16.000 meist kurdischen Opfern alevitischer Konfession, den Progromen gegen die alevitische Bevölkerung von Kahramanmaraş (1978), dem Massaker von Malatya (1978) mit acht Toten, 60 Verletzten, 230 Verhafteten und 473 zerstörten Häusern, dem Progrom von Çorum (1980), dem Massaker von Sivas (1993), bei dem ein durch die rechtsradikale MHP und deren militanten Flügel, die „Grauen Wölfe“, fanatisierter Mob vor den Augen der untätigen Polizei das Madımak Hotel anzündete und 37 Aleviten verbrannten (besonders makaber: Erdogan begrüßte im Frühjahr 2012 ausdrücklich die Verjährung des Vorfall und somit strafrechtliche Nichtverfolgung der Täter, die in Deutschland Asyl fanden…), dem Massaker an 15 Aleviten im Istanbuler Stadtteil Gazi (1995; die Täter, 2 Polizisten wurden zwar vor Gericht bestellt, kamen aber mit Bewährungsstrafen davon…) und Roboski (2011), bei dem 35 jugendliche kurdische Zivilisten durch Luftangriffe des türkischen Militärs zu Tode kamen und das wider des Versprechen von Ministerpräsident Erdogan weiterhin nicht aufgeklärt ist, hingewiesen.
Sie bilden einen grausamen chronologisch beinahe nahtlos an den Völkermord an christlichen Minderheiten anknüpfenden blutgetränkten Faden.

Man muss sich in der Tat fragen, warum die PKK nach wie beträchtlichen Rückhalt in der kurdischen Bevölkerung hat, womit wir bei Spanien wären: Sowohl die Türkei als auch Spanien haben ungefähr zur selben Zeit die Militärdiktaturen hinter sich gelassen. Die Form der Unterdrückung der Basken unter Franco weist eine bemerkenswerte Fülle von Parallelen mit der Repressivität des türkischen Staates gegenüber den Kurden von auf. Ebenso sieht es mit der ETA und der PKK (die ETA gründete sich deutlich früher) bis Anfang der 1990er aus. Hier allerdings nehmen deren Wege einen konträren Verlauf. Warum passiert nicht das Gleiche mit der PKK, wie Mitte der 90er im Baskenland mit der ETA. Diese verlor durch starke aufrichtige Reformen der spanischen Regierung, wenn man von einigen tausend Unbelehrbaren absieht, komplett den Rückhalt in der Bevölkerung und ist heute, was den revolutionären Freiheitskampf angeht quasi tot. Hier seien der Artikel 2 der spanischen Verfassung sowie der Artikel 147 der spanischen Verfassung bzgl. Autonomiestatuten erwähnt, die seit 1992 für das Baskenland greifen. Die PKK hingegen existiert weiter und diese Tatsache allein, ist schon Indiz für das Ausbleiben ehrlicher Reformen (nicht Alibireformen!!!) und fortbestehender grausamer Unterdrückung.
Wenn die Türkei also tatsächlich ernsthaft an den z.Zt. stattfindenden Friedensverhandlungen mit kurdischen Organisationen interessiert ist, woran berechtigte Zweifel bestehen, dann muss sie um dies zu beweisen nur Spanien um Rat fragen, um erfolgreiche nachhaltige Lösungen zu erreichen! Nur wenn dies in vollem Umfang geschieht, ist die türkische Sichtweise auf die PKK nicht mehr zu relativieren.

Und auch die internationale Gemeinschaft muss sich einige Fragen gefallen lassen: Was spricht denn objektiv gegen eine kurdische Automie mit eigener Verwaltungshoheit? - Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass selbst verhältnismäßig kleine Regionen wie z.B. das Baskenland, Sizilien, Katalanien und Schottland über eine solche verfügen, ist dies zweifelsohne eine berechtigte Frage. Ebenso muss sich hier auch die internationale Staatengemeinschaft den Vorwurf gefallen lassen, wie man es moralisch vertreten kann, einerseits auf Balkan eine Vielzahl von Kleinststaaten von der Größe mittelhessischer Landkreise anzuerkennen, während man sich auf der anderen Seite bedenklich ignorant gegenüber nahezu äquivalenten Bestrebungen von Kurden und orientalischen Christen zeigt.

Der Konflikt in Kleinasien und im Nahen Osten teilweise wie die Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent zu bewerten, da er seinen Ursprung in einer willkürlich anmutenden postkolonial geprägten Grenzziehung mit wenig bis gar keiner Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse unter den Volksgruppen. Denn nichts anderes als eine Kolonialmacht war das osmanische Reich!
Diesen Status vollends aufzuheben hat man durch die Revidierung des Vertrags von Sèvres (1919) zu Gunsten des Vertrages von Lausanne (1923) versäumt und sich somit mitschuldig am Tod von mindestens 50.000 Menschen gemacht.

Erdogan macht sich selbst unglaubwürdig, indem er eine Verwicklung des „Tiefen Staates“ (türk. derin devlet), der unter anderem mit dem Massaker auf dem Istanbuler Taksim-Platz, bei dem am 1.Mai 1977 Unbekannte, bis heute nicht gefasste Täter in die Menschenmenge aus 250.000 Gewerkschaftern schossen und dem 34 Menschen töteten, dem Susurluk-Skandal, durch den laut Jahresbericht 1997 der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV): ISBN 975-7217-22-0 die Verstrickung von Staatsorganen und Grauen Wölfen in den Militärputsch von 1980 herauskam, dem Anschlag auf eine Buchhandlung in Şemdinli am 9.November 2005, an den, nach der Ergreifung der Täter durch Passanten, ein äußerst dubioser Zustandigkeitsstreit zwischen der 3.Strafkammer in Van und der Militärgerichtbarkeit anknüpfte, die letztendlich die Oberhand behielt und die Handgranatenwerfer trotz Verurteilung durch das benannte Zivilgericht skandalöserweise freisprach (!!!), und der Ermordung von Hrant Dink durch den Kontakte zu nationalistischen Kreisen unterhaltenden Rassisten Ogün Samast, in Verbindung gebracht wird, sofort kategorisch ausschließt. Er hatte ihm doch noch im Januar 2007 persönlich den Kampf angesagt – Leere Worte? Unter dem Strich bleibt bzgl. der Hinrichtungen und des Anschlagsversuchs von Paris folgendes festzuhalten: Wer letztendlich hinter den feigen Morden und Anschlägen steckt, bleibt abzuwarten. Von türkischer Seite ist eine seriöse Aufklärung aufgrund einschlägiger Erfahrungswerte wohl eher nicht zu erwarten. Neben Erdogans bereits erwähnter ungeheuerlicher Aussage zur Verjährung des Sivasmassakers macht auch das Statement der ehemaligen Präsidentin Tansu Çiller zu Susurluk dass, „„alle, die für den Staat Kugeln abfeuerten oder von Kugeln getroffen würden, ehrenwert seien“ (http://www.cnnturk.com/YASAM/DIGER/haber_detay.asp?PID=223&HID=1&haberID=141345) wenig Hoffnung auf ein Einlenken. Auch dass Erdogan bereits wieder Rumpelstillzchen spielt, weil der französische Präsident Francois Hollande einräumte, mit den verstorbenen in Kontakt gestanden zu haben, riecht eher nach einem emotionalisierenden sowie populistischen Ablenkungsmanöver denn wie nach ernsthaftem Interesse an Aufklärung.

Nun wäre also Europa gefragt, da es spätestens jetzt die Folgen einer jahrzehntelang verfehlten Politik zu spüren bekommt. Die Ignoranz und das Totschweigen teilweise staatlich durchgeführter und weiterer staatlich geduldeter ethnischer Säuberungen durch den NATO-Staat Türkei haben ein fatales Signal nach Ankara gesendet, das lautet: „Egal, welches Leid Ihr Euren Minderheiten antut, wir helfen Euch beim Vertuschen!“ Dies hat zur Heranbildung eines rassistischen Selbstbewusstseins innerhalb der Türkei und auch bei einer leider nicht zu unterschätzenden Anzahl türkischstämmiger Migranten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Skandinavien geführt, dass es nicht weiter marginalisiert werden darf, wenn Anschläge, wie in Paris geschehen, nicht zur traurigen Normalität werden sollen. Zwei tote Angehörige der armenischen Gemeinde in Istanbul und drei Tote Kurdinnen innerhalb von 2 Wochen sind in jedem Fall fünf Tote zu viel und stellen uns vor die Frage, welche Ausmaße die Ereignisse noch annehmen werden.

War die zeitliche Nähe der Morde in Istanbul und Paris bloßer Zufall und behält gar die Regierung in Ankara mit ihrer Vermutung auf ein InnerPKKliches Motiv hinsichtlich der Hinrichtungen von Paris Recht oder sehen menschenverachtende rechtsgerichtete türkische Kräfte in der Türkei und in Europa nun, da der Friedensprozess zwischen Regierung und Öcalan in vollem Gange ist und in einer Woche der Gedenktag anlässlich der Ermordung Hrant Dinks ansteht, ihre „Stunde der Patrioten“, die sie mit Morden und Anschlägen gegen Armenier und Kurden begehen? Wird Europa es sich jetzt immer noch leisten die Interessen und das Leid seiner kurdischen, armenischen und aramäischen Bevölkerung weiter zu ignorieren oder findet der Schmusekurs und die bedingungslose Nibelungentreue gegenüber Ankara endlich ein Ende?

In einer ernstgemeinten Partnerschaft, sollten beide Seiten Tacheles reden dürfen. Wenn sie das nicht aushält, sollte man ein Ende mit Schrecken statt einem Schrecken ohne Ende in Erwägung ziehen!

Samstag, 29. Dezember 2012

Ein anderer Rückblick auf 2012: Doppelmoral und indirekte Zensur in Deutschlands Nachrichtensendungen. Wie türkischer Rassismusimport unterstützt wird!

Ein anderer Rückblick auf 2012: Doppelmoral und indirekte Zensur in Deutschlands Nachrichtensendungen. Wie türkischer Rassismusimport unterstützt wird! Die Verdienste unserer Bundesregierung um Angela Merkel in punkto Innenpolitik und wirtschaftliches Wachstum, selbst gegen den Trend im Großteil unserer Nachbarstaaten, ist unbestritten und sie hat dafür zweifelsohne Lob verdient. Da jedoch nie etwas ganz weiß oder ganz schwarz gemalt werden kann, möchte ich mich nun speziell mit einem besorgniserregenden Negativaspekt unserer aktuellen politischen Situation beschäftigen. Auf den ersten Blick, aber auch wirklich nur auf den, haben wir es mit einer rein außenpolitischen Problematik zu tun. Aber der Reihe nach: Während beispielsweise über die nach westlichem Rechtsverständnis geradezu lächerlich anmutende Anklage gegen den genialen Pianisten Fazil Say, der es beispielsweise schafft Bühnenbilder wie bei Giuseppe Verdi zu entwerfen, Inszenierungen zu kreieren, die ein wenig an den Gefangenenchor aus Nabucco erinnern, dazu spitzenmäßige Musik im Stile eines Bela Bartok komponiert und das Ganze vor dem Hintergrund des brisanten Themas Nazim Hikmet spielen lässt, der auch heute noch vielen Stimmen in der Türkei als „Vaterlandsverräter“ gilt, wegen eines Tweets, lediglich im Hörfunkprogramm der ARD berichtet wurde, schwiegen die Televisionsmedien gänzlich zu diesem Thema, wohingegen sie den Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot bis ins Unendliche ausschlachteten. Nun steht hier vollkommen außer Frage, dass das Strafmaß Letztgenannter in keinem Verhältnis zu ihrem Vergehen steht und absolut überzogen ist. Auf der anderen Seite findet kaum kontroverse Berichterstattung statt. Wo blieb an dieser Stelle z.B. der Hinweis auf den § 166 StGB „Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen“, mit welchem die Damen zweifelsohne auch nach deutschem Recht in Konflikt geraten wären. Aus künstlerischer Sicht bleibt des Weiteren folgendes festzuhalten: Was hat Pussy Riot großartiges geleistet? Sie haben einen primitiven Text in einer Kirche gesungen, dabei eine sehr ungelenk anmutende Show performed und instrumental, bekommt gegen die Stücke dieser Band sogar Deep Purples "Smoke On The Water" einen geradezu symphonischen Charakter. Erschwerend hinzu kommt, dass die Bandmitglieder in punkto des Straftatbestandes „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ bereits vorbelastet waren. Sie haben letztendlich nichts anderes getan, als einen primitiven und prä-pubertären Text zu einer einfallslosen Melodie gesungen, ohne auch nur die geringste sachliche Kritik an Putin oder seiner Politik zu äußern. Protest mag viele Gesichter haben, raffiniert subversive Gesellschaftskritik stelle ich mir jedoch anders vor. Auch die mediale Stilisierung dieser Damen zu Heldinnen wirkt außerordentlich grotesk und passt nur allzu gut zum aktuellen Medientrend, Russland niederzumachen, sobald Putin einmal zu laut hustet. Unter den beliebtesten Opfern deutscher Medienkritik finden sich in der Tat zumeist nur Russland oder Staaten, die ihre Armeen mit in Russland produziertem Kriegsgerät ausrüsten. Syrien und Venezuela sind da nur die prominentesten Beispiele. Kritik an diesen Staaten ist in einer freien Gesellschaft natürlich absolut legitim und wünschenswert, jedoch muss man sich in der Tat, und das ist auch der Grund für den o.g. Vergleich, als kritischer Mensch unbedingt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen – oder wann haben sie in der Tagesschau, bei ZDF heute oder RTL Aktuell den letzten kritischen Bericht über die Türkei, Saudi-Arabien oder die Golfstaaten gesehen? Sind selbst unseren Journalisten mittlerweile Panzer – und U-Bootdeals wichtiger geworden als Menschenrechte? Hat die Waffenlobby unsere Medien erreicht? Wie viel Zensur Zensur findet durch die Aufsichtsräte und Sponsoren unserer Medien wirklich statt? Vor dem Hintergrund folgender Tatsachen, haben wir es hier mit durchaus berechtigten Fragen zu tun. So wurde im Herbst 2012 bekannt, dass die Türkei zum wiederholten Mal weltweit die größte Anzahl an Journalisten in Haft hält und dabei selbst China und den Iran in den Schatten stellt. Fernsehberichte Fehlanzeige! Ebenso blieben Berichte über die ganz klar politisch motivierte strafrechtliche Verfolgung der Soziologin Pinar Selek, die sich seit Ende November 2012 einem erneuten Verfahren ausgesetzt sieht, aus. Ihr Engagement für insbesondere die kurdische Minderheit wird ihr in diesem, und dafür ist die o.g. Statistik zum Thema Pressefeindlichkeit Beweis genug, durch und durch repressiven System offenbar zum Verhängnis. So verwundert es in Anbetracht dessen wenig bis gar nicht, dass die Lage der kurdischen Hungerstreikenden im Oktober 2012 und die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Osten des türkischen Staatsgebiets lediglich in einem ca. 20 Sekunden dauernden Bericht der Tagesschau im Stile einer Schlagzeile erwähnt wurden. Sie demonstrieren gegen die Isolationshaft von Abdullah Öcalan. Indem man sie und ihren ehrlichgemeinten unter Einsatz des eigenen Lebens und die eigene Gesundheit für die Ideale und die, im Vertrag von Sèvres 1919 einmal garantierte Freiheit ihres Volkes, gefährdend, geführten Protest weitestgehend ignoriert, da sie über keinerlei Lobby verfügen, auf der anderen Seite aber andererseits dort wo es passt und gilt den Hauptkonkurrenten um Rang 2 im internationalen Waffenexport zu verdrängen, groben Unfug und Erregung öffentlichen Ärgernisses zur revolutionärem Kampf erhebt, führen die deutschen Televisionsmedien, ihre Intendanten und die dahinter stehenden Lobbys jedwedes journalistisches Ethos vollkommen ad absurdum. Sie halten dem Bürger wider besseren Wissen bedeutende Informationen des Weltgeschehens vor, die in Anbetracht der hiesigen Bevölkerungsstruktur und 800.000 in Deutschland lebenden Kurden, im Gegensatz zum Pussy Riot Prozess, längst nicht mehr eine außenpolitische Angelegenheit sind. Man hat den Eindruck, der Bürger solle gar nicht verstehen, wie brutal, arrogant und menschenverachtend sich das sonst gerne angepriesene vermeintliche Wirtschaftswunderland (das Geheimnis hier sind Kredite) und Urlaubsparadies (z.B. RTL wird u.a. von Turkishairlines gesponsert…ein Schelm, wer da Böses denkt) gegenwärtig agiert. Leider passt es da ins Bild, dass die Nachrichtenoligopolinhaber in Form des Triumvirats aus Tagesschau, ZDF heute und RTL Aktuell nur knappe, völlig unzureichende Berichte über die Zwangsenteignung des ältesten christlichen Klosters Mor Gabriel durch den türkischen Staat ausstrahlen. Der Fairness halber müssen natürlich an dieser Stelle auch die guten und ausführlichen öffentlich-rechtlich produzierten Dokumentationen zum Thema erwähnt werden. Diese jedoch dürfen offenbar nur gesendet werden, wenn der durchschnittliche Erwerbstätige längst in Morpheus Armen liegt. Es ist des Weiteren als riesiger Skandal zu bewerten, dass kein Wort darüber, dass türkische Schulbücher Aramäer ganz offiziell als Landesverräter diffamieren. Die Aramäer waren ebenso wie die Armenier und pontischen Griechen Opfer des rassistisch motivierten und kaltblütig-systematisch ausgeführten Völkermords an Christen im osmanischen Reich, der exemplarisch für weitere Genozide des 20. Jahrhunderts war und für dessen Durchführung das deutsche Kaiserreich zu einem beträchtlichen die Logistik und Infrastruktur lieferte. Auch hierüber verlieren die großen Nachrichtensendungen kein Wort. Stattdessen berät die Politik ausgerechnet verstärkt in Hessen, wo sich in der Stadt Gießen die größte aramäische Gemeinde Deutschlands befindet, über eine Beteiligung der vom türkischen Staat kontrollierten DiTiB am muslimischen Religionsunterricht an deutschen Schulen. Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, dass man die Verehrung von Völkermördern an der von besagter Organisation unterhaltenen Berliner Sehitlikmoschee duldet, erwägt man, einem Staat, der seit 150 Jahren unbehelligt immer wieder rassistische Progrome, Massaker und die Unterdrückung von Minderheiten praktiziert, direkten Zugriff auf das deutsche Bildungssystem zu gestatten. Wir müssen das Kind hier beim Namen nennen und in der Tat von einer gefährlichen Form staatlich tolerierten Rassismusimports aus Ankara sprechen. Man fühlt sich unweigerlich an eine Zeit erinnert, als das Kaiserreich versuchte Berichte über die Christenprogrome im osmanischen Reich zu zensieren, da es in einer ganz und gar unheiligen Allianz zu eben diesem stand. Sogar die Proteste von 10.000 Aleviten gegen den Erdogan-Besuch, an denen sich im Übrigen auch armenische, aramäische und griechische Verbände beteiligten, enthalten uns Tagesschau und ZDF Heute-Nachrichten vor. RTL berichtet zwar kurz und oberflächlich, baut aber gar in seine Berichterstattung die ungeheuerliche Formulierung "angebliche Menschenrechtsverletzungen" ein. Diese Formulierung grenzt an eine Störung der Totenruhe gegenüber z.B. den Opfern der Dersimmassaker, der Opfer von Sivas oder Kahramanmaras. Den Letztgenannten wurde am 23.12.2012 durch einen Trauermarsch gedacht. Die türkische Polizei versuchte mit Unterstützung der Armee die friedliche Trauerkundgebung durch den Einsatz von Wasserwerfern und Gummigeschossen aufzulösen. Es verwundert trotz zahlreicher Kundgebungen in Europa (z.B. Frankfurt a.M. oder Paris) nicht, dass die großen 3 der deutschen Nachrichten auch hier dafür sorgen, dass die Kenntnis um die Dimension dieses historischen Verbrechens und der von staatlich türkischer Seite vollführten Unterdrückung seiner Erinnerung, möglichst wenigen Bundesbürgern zugänglich bleibt. Auch diese Form von türkischem Importrassismus hat längst Deutschland erreicht. So sah sich eine alevitische Familie aus Berlin-Tempelhof im August 2012 einem türkischen Lynchmob vor seiner Haustür ausgesetzt, der erst durch mehrfaches Erscheinen der Polizei verschwand. Statt über dieses riesige und stetig wachsende Problem des türkischen Rassismusimports zu berichten, langweilt z.B. die Tagesschau den Zuschauer mit teilweise grotesk anmutenden Berichten über "Türkische Bierzeltgemütlichkeit" oder die "Filmstadt Istanbul", während man gleichzeitig auf Tagesschau24 CNN berechtigterweise harsch für seine durchweg positive Berichterstattung gegenüber den Golfstaaten, die sich beim Sender eingekauft haben, rügt. Diese Kritik ist zwar absolut gerechtfertigt. Vor dem Hintergrund der eigenen Berichterstattung, stinkt dieses Verhalten aber bis zum Himmel vor Doppelmoral. Die Intendanten der großen deutschen Rundfunkanstalten sollten sich fragen, ob eine derart unverhältnismäßige Berichterstattung mit journalistischem Ethos vereinbar ist. Unsere Medien haben die Aufgabe gesellschaftliche Zustände abzubilden. Dieser kommen sie hier überhaupt nicht nach und zeichnen stattdessen offenbar absichtlich, weil augenscheinlich durch Lobbys und zweifelhafte politische Kräfte beeinflusst, ein bis zur Unkenntlichkeit verfälschtes Abbild der Zustände. Die Berichterstattung der großen 3 ist im Hinblick auf o.g. Kontext, zu einer interessenpolitischen Farce verkommen. Da ich mit einem Vergleich der Berichterstattung zwischen Russland und der Türkei angefangen habe, möchte ich nun auch in gewisser Weise mit einem solchen schließen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass der türkische Botschafter in Deutschland, Hüseyin Avni Karslıoğlu, die historisch einwandfreie Darstellung des Armeniergenozids in der Ausgabe des GEO Epoche Magazins über das osmanische Reich als „geleugnetes Verbrechen“ – wer sich mit der Thematik auskennt, weiß dass es in Wahrheit noch viel schlimmer ist, dass es sich nämlich nicht nur um ein geleugnetes sondern spätestens seit der Unabhängigkeit Aserbaidschans sogar um ein glorifiziertes Verbrechen handelt – in einem verabscheuungswürdigen mit Halbwissen gespickten Hetzbrief monierte. Wie uns das Erdoğansche Rumpelstillzchenspiel nach dem Boyer-Gesetz zeigte, können wir davon ausgehen, dass bei einer vergleichbaren Aktion eines deutschen Botschafters in der Türkei sofort wieder das Säbelrasseln mit Diplomatenausweisung und Wirtschaftsboykottaufrufen losginge. Vor dem Hintergrund, dass sich die Türkei immer wieder ausdrücklich äußere Einmischung in ihre „inneren Angelegenheiten“ verbittet, schäumt diese Aktion des Botschafters nur so vor Doppelmoral, Selbstgerechtigkeit und Hybris! An unsere 3 Meinungsmacholigarchen im TV ergeht hiermit die Frage, welchen unglaublichen Skandal sie wohl aus dieser Sache konstruiert hätten, hätte sich ein russischer Botschafter einen derartigen Angriff auf die deutsche Pressefreiheit geleistet? Ich sehe die Schlagzeilen, die sie produziert hätten, schon vor: „Putins Zensurmaschinerie streckt ihre Tentakel nach Deutschland aus“ „Mit uns nicht Herr Putin – Wir wählen die Freiheit!“ „Endlich raus mit ihm! – Was erlauben russische Botschafter?!“ Diese volksverhetzende Zensurmaschinerie kommt aber hier nicht aus Russland sondern von unserem ach so vorbildlichen NATO-Partner und spätestens hier wird klar, wovon Sarkozy spricht, wenn er die Terminologie „türkische Unkultur“ verwendet. Innertürkische Konflikte in Deutschland sind längst Realität und unseren Politikern sei gesagt, dass man ihnen sicherlich nicht Herr wird, indem man immer wieder jenen nachgibt, die bei jeglicher Türkeikritik sofort mit Klischees und Stigmatisierungen um sich werfen? So ist nicht nur aus Internetforen folgendes stereotypes Verhalten bekannt: Kritisiert jemand mit deutschem Namen die menschrechtlichen Zustände in der Türkei, so schwingen sie die Nazikeule und versuchen das Thema auf NSU o.ä. zu lenken. Kritisiert jemand mit türkischem Namen diese, wird sofort das PKK und / oder ASALA-Netz ausgeworfen. Für solche Kräfte scheint also zu gelten: Kritik am Staat=Terrorismus. Das ist eine alles andere als demokratische Haltung und das darf nicht weiter verschwiegen werden! Integration und Toleranz kann und darf nicht bedeuten, dass eine zahlenmäßig große Minderheit mit entsprechender Lobby, mehrere zahlenmäßig kleinere ohne Lobby nach Lust und Laune und noch dazu unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit diskriminieren und verunglimpfen darf. Letzten Endes bleibt folgender Lichtblick. Innerhalb einigen Teilen der Bevölkerung scheint diese Botschaft bereits angekommen zu sein. So wurde beim Bürgerdialog ein analoger Gesetzesentwurf zum französischen Boyer-Gesetz mit beträchtlichem Abstand auf Platz 1 aller Vorschläge gewählt. Der Bürgerdialog erwies sich jedoch als Bauernfängerei-Aktion, da die drei meistgewählten Vorschläge, und somit alle diejenigen mit mehr als 100.000 Stimmen, kurz und knapp von der Bundeskanzlerin abgeschmettert wurden, während nur solche gelobt wurden, die sich ohnehin auf der politischen Agenda befanden [http://julian-tumasewitsch.blogspot.de/2012/12/angela-merkel-macht-eine-farce-aus-dem.html]. Nützliche weiterführende Links zur Thematik: Hetzbrief des türkischen Botschafters an Michael Scharper, den Chefredakteur von GEO-Epoche: http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/mord-an-den-armeniern-kein-genozid-73736.html Der Weltmeister der Pressefeindlichkeit: http://www.berliner-zeitung.de/medien/tuerkei-weltmeister-der-pressefeindlichkeit,10809188,17209538.html Pinar Selek: http://www.focus.de/kultur/buecher/justiz-prozess-gegen-pinar-selek-soll-neu-aufgerollt-werden_aid_866506.html Der kurdische Hungertreik: http://www.taz.de/!104059/ http://www.youtube.com/watch?v=7f7bp_qB1hI http://www.flickr.com/photos/pm_cheung/8109132436/ Mor Gabriel: http://www.3sat.de/page/?source=%2Fkulturzeit%2Fnews%2F163590%2Findex.html http://www.youtube.com/watch?v=UUW-5z8f2hQ http://www.youtube.com/watch?v=PqDU8d6abwo Unterdrückung und Verunglimpfung der christlichen Minderheiten und der Kurden: http://www.lemondepolitique.fr/culture/g%C3%A9nocide.html http://www.igfm.de/Christen-in-der-Tuerkei.1027.0.html http://nordirak-turabdin.de/2011/12/16/foderation-der-aramaer-schreibt-offenen-brief-12-12-2011/ http://www.taz.de/!92269/ http://www.youtube.com/watch?v=p2DGs6_b5Zc http://www.youtube.com/watch?v=UA3Uv9QNXug Massaker an Aleviten und Übergriffe auf sie: http://www.welt.de/kultur/history/article13729423/Das-vergessene-Massaker-der-Tuerken-an-den-Aleviten.html http://www.spiegel.de/politik/deutschland/15-jahre-massaker-von-sivas-die-auferstehung-der-aleviten-a-563623.html http://www.youtube.com/watch?v=civn61aildA http://www.taz.de/!99887/ Türkischer Rechtsextremismus: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/rechtsextreme-migranten-angst-vorm-grauen-wolf-11651990.html http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-01/rechtsradikalismus-tuerken http://www.ikus.ovgu.de/ikus_media/Newsletter/2012/August/13_+August/t%C3%BCrkischer+Rechtsextremismus.pdf http://www.tagesspiegel.de/politik/tuerkischer-rechtsextremismus-radikalisierung-unter-jungen/6101386.html http://www.welt.de/politik/deutschland/article13735417/Der-Schein-truegt-die-Grauen-Woelfe-sind-gefaehrlich.html"> http://www.welt.de/politik/deutschland/article13735417/Der-Schein-truegt-die-Grauen-Woelfe-sind-gefaehrlich.html