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Sonntag, 29. Juni 2014

ISIS-Terror und Bürgerkrieg im Irak - Kurdistan wäre eine große Chance für die Region

Ist der aktuelle Krieg im Irak ein Religionskrieg und ist mal wieder "Der Westen" Schuld? - Die Wahrheit liegt dazwischen und ursächlich weitestgehend in niemals konsequent beseitigten Grenzen ehemaliger Kolinialmächte begründet. Ein Festhalten an diesen Grenzen wäre fatal, wohingegen eine Neustrukturierung der Region historische Chancen für Kurden und andere Minderheiten eröffnen würde.


Religionskonflikt - ja oder nein?

Man ließt dieser Tage viele Theorien aus vielerlei verschiedenen politischen Richtungen und Gruppierungen.
Oft wird im Hinblick auf den durch den Vormarsch der ISIS ausgebrochenen Bürgerkrieg von einem Religionskonflikt. Das stimmt aber nur teilweise.
Religion ist niemals wirklich die Ursache eines Konflikts oder einer kriegerischen Auseinandersetzung. Sie ist allenfalls Mittel zum Zweck und wird instrumentalisiert. Einen interessanten Ansatz hierzu findet man bei dem auf interkulturelle Didaktik spezialisierten Erziehungswissenschaftler Karl-Heinz Flechsig. Demnach ist die Vermittlung ethno- oder religionszentrierter Weltbilder oder Kulturvorstellungen immer Mittel zur Untermauerung von bestehenden Herrschaftsverhältnissen, die ohne Feindbilder nicht auskommen.
Wenn man den Konflikt im Irak und Syrien mit Kriegen im subsaharischen Afrika, z.B. im Kongo, Kamerum und Nigeria oder in den 1990ern in Rwanda, vergleicht, kommt man immer wieder auf die Ursache zurück, dass Grenzen enlang der alten englischen, französischen, belgischen, etc. Kolonialgrenzen gezogen wurden, statt Rücksicht auf tatsächliche ethnische und konfessionelle Gegenbenheiten zu nehmen. Während der bipolaren Weltordnung haben vor allem die USA und Großbritannien aber auch ein Stück weit die Sowjetunion durch die Unterstützung von Paramilitärs, Konterguerillas und Despoten ihr nötiges getan, um die Konflikte noch zu verschärfen. Ein anderes Beispiel dafür, beinahe vor der Haustür wäre Spanien unter Franco. Thatcher unterstützte die GAL, als Reaktion darauf gründete sich die ETA. Der Konflikt konnte erst durch die baskische Autonomie beigelegt werden.
Von einem Religionskonflikt zu sprechen ist angesichts der klaren Linien zwischen Sunniten und Schiiten nicht falsch. Sie stößt aber an ihre Grenzen 1.) berücksichtigt man die Rolle der Kurden, die zwar oft Êzidin oder Aleviten, aber mehrheitlich der sunnitischen Konfession angehörend aber dennoch Gegner der ISIS und 2.) führt man sich die Rolle der involvierten Regionalmächte ergo Unterstützterstaaten vor Augen. Hier kann die Situation im Irak keinesfalls losgelöst vom syrischen Bürgerkrieg betrachtet werden.


Schiiten, Sunniten und die Rolle der Regionalmächte

Die selben Terroristen, die jetzt im Irak auf dem Vormarsch sind, waren vorher über Jahre in Syrien aktiv. Finanziert und bewaffnet wurden und werden sie von Mitgliedern des saudischen Königshauses und finanzkräftigen Kreisen aus den Golfstaaten, während die Türkei ihnen, kommen sie oft mit den Flugzeug aus Afghanistan, Turkmenistan oder Tschetschenien in das Transitland zwischen Bosporus und Euphrat, die Grenzen öffnet, als Rückzugsgebiet dient und kostenlose medizinische Versorgung offeriert.
Als sie in Syrien einfielen, hatten sie es mit einem wirtschaftlich starken Land zu tun, in dem sie nachdem der Iran aktiv auf Seiten Assads eingriff, scheiterten.
Im Irak hatten sie leichtes Spiel. Das Land liegt wirtschaftlich und politisch nicht zuletzt aufgrund undurchdachten westlichen Agierens nach dem Sturz Saddam Husseins am Boden. Hinzu kommt mit Nuri Al-Maliki ein Präsident, von dem sich ein großer Teil der sunnitisch-arabischen Bevölkerung benachteiligt fühlt und gewillt ist, sich den Terroristen oder jedem der ihnen Besserung verspricht anzuschließen.
Dementsprechend schwach ist die Gegenwehr der irakischen Armee ausgefallen. Die iranische Intervention auf Seiten Al Malikis war vorprogrammiert. Die islamische Republik versteht sich als Schutzmacht der schiitischen Muslime. Dass Teheran angesichts der andauernden diplomatischen Spannungen mit Ankara und Riad nicht tatenlos zusehen würden, wie die sunnitischen Mächte ihre Einflußsphären bis an die Südwestgrenze Irans erweitern, war niemals auch nur ansatzweise unklar.
Die Rolle der Regionalmächte stützt auf den ersten Blick die These eines Religionskonfliktes. Bei genauerem Hinschauen sieht man aber deutlich, wie Religion instrumentalisiert wird, um Herrschaftsansprüche zu untermauern und auszuweiten.


Die Geister, die der Westen rief

Neben der These eines Religionskrieges, wird immer wieder die Schuld des Westens angeprangert.
Das eigentliche Problem liegt, wie bereits angesprochen tiefer, in der Grenzziehung. Genau hier liegen Ursprung und Berechtigung der Kritik am westlichen, insbesondere britischen und US-amerikanischen, Wirken. Wir haben es im Nahen Osten wie auch im subsaharischen Afrika mit den Grenzen entlang ehemaliger Kolonien zu tun, die ohne Rücksicht auf ethnische und religiöse Gegebenheiten gezogen wurden. Die militärische Intervention von 2003 hat die Instabilität verschärft hat, weil sie mit Rücksicht auf Bündnisse mit den Golfstaaten und der Türkei der Illusion aufsaß, also jenen Staaten, die heute der ISIS Support bieten, die Beseitung von Saddam Husseins Baath-Regime sei ausreichend, um Frieden und Demokratie zu bringen. Dass nach seinem Fall ethnische und religiöse Konflikte weiter bestehen und sich verschärfen war vorhersehbar, wurde aber ignoriert, extrem unterschätzt oder sogar bewusst in Kauf genommen. Oft wird sich die Frage gestellt, wie es denn sein könne, dass die sonst omnipräsenten Geheimdienste der USA und Großbritanniens den Vormarsch der ISIS nicht bemerkt haben. Die Erklärung dafür ist einfach, banal und bezeichnend zugleich. Selbst derart gut vernetzte Aufklärungsapparate sind auf Kooperationen mit regionalen Kräften angewiesen. Schaut man sich an, auf welche Partner in der Region gesetzt wird und führt man sich deren Interessen vor Augen, wird klar, wieso der Vormarsch lange Zeit unbemerkt oder unvermeldet blieb.


Keine Chance auf Frieden ohne freies Kurdistan

Es schon beinahe zynisch, wenn der britische Außennminister Hague den Fortbestand der "nationalen Einheit" des Irak fordert. Eine derartige "nationale Einheit" gab es nie wirklich. Die Geschichte des Irak ist geprägt von Machthabern die Spielbälle zunächst britischer (z.B. König Faisal II) und später US-amerikanischer Interessen in der Region waren (z.B. Saddam Hussein im Ersten Golfkrieg gegen den Iran von 1980 bis 1988).
Ein Zusammengehörigkeitsgefühl quer durch alle Volksgruppen, Religionen und Konfessionen gab es nie.
Die Lösung kann, wenn es denn eine gibt, nur nach dem Vorbild der Teilung des ehemaligen Jugoslawiens stattfinden. D.h. konkret eine Dreiteilung des Landes, was auch ein unabhängiges Kurdistan zur Folge haben muss.
Seit gut hundert Jahren waren die Kurden aufgrund eines nicht existenten
Für mich zeigt sich hier immer wieder, warum die Beschlüsse der Konferenz von Sèvres 1919 nicht zu Gunsten der von Lausanne 1923 hätten revidiert werden dürfen. Nun gibt es eine Zweite Chance eine kurdischen Staat. Zwar war 1919 lediglich eine Autonomie vorgesehen auf dem Staatsgebiet der heutigen Türkei vorgesehen. Fest steht aber; Wenn die Region jemals Stabilität erfahren soll, darf sie nicht ein zweites Mal ungenutzt bleiben!
Ein solcher Staat, in dem sunnitische, alevitische und êzîdîsche Kurden ebenso wie christliche Aramäer / Assyrer, Araber, egal ob muslimisch oder katholisch -ja, in der Region leben katholische Araber-, Turkmenen und Armenier gleichberechtigt nebeneinander leben können, würde die ganze Region ein großes Stück weit stabilisieren. Der Chef der kurdischen Autonomieregierung, Masud Barzani, hat eine gleichberechtigtes, demokratisches Miteinander bereits angekündigt und die Entwicklung der Kurdengebiete im Nordirak sowie in Nordsyrien zeigen, dass dieses Versprechen ernstgemeint und im Grunde genommen bereits realisiert ist. Kurden und Kurdinnen, denn die Gleichstellung der Frau ist ein zentrales Element der kurdischen Freiheitsbewegung, aller Religionen und Konfessionen dienen bereits in den Verteidigungseinheiten der YPG in Syrien sowie in der Peshmerga-Armee ebenso wie Angehörige christlicher Minderheiten, die oft die Kurden als Schutzmacht ansehen und sich aktiv in ihrem Freiheitskampf beteiligen. Die Offenheit gegenüber allen Konfessionen, Religionen und Volksgruppen der Region macht den oft verwendeten und negativ konotierten Begriff von "Kurdischen Nationalismus" unzutreffend.
Ein freies Kurdistan ist vielleicht kein Allheilmittel gegen alle Konflikte in der Region.
Es würde aber ein Staat entstehen, dessen Existenz wirtschaftlich, diplomatisch und militärisch ein drittes Gegengewicht zu den o.g. Regionalmächten dartellen würde. Ein positiver Nebeneffekt könnte des Weiteren darin bestehen, dass bei der Aufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen einem neuen Staat Kurdistan und Armenien die Türkei gezwungen sein könnte, nicht mehr weiterhin bedingungslos, wie bisher, den notorisch antiarmenischen Kurs des aserbaidschanischen Alliev-Regimes zu stützen. Wirschaftlich garantieren reiche Ölvorkommen Eigenständigkeit und die z.Zt gut 200.000 Mann starken Streitkräfte der kurdischen Peshmerga-Armee sind stark genug, um die Grenzen bis zu einer längst überfälligen Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft dauerhaft zu sichern.
Ein Festhalten an bestehenden Grenzen bedeutet eine neue Runde im alten Teufelskreis zu drehen. Dass weite Teile der deutschen Politik, wie u.a. Klaus von Dohnany in der letzten Junisendung 2014 bei Richard David Precht äußern, es müsse um jeden Preis an bestehenden Grenzen festgehalten werden, ist arrogant und absurd. Nur wenn mit dem Lineal gezogene Grenzen überdacht und neu verhandelt werden, können Konflikte und Kriege dauerhaft beigelegt und beendet werden, weil nur so ihre wirkliche Ursache angegangen werden kann. Solange man das im Westen nicht versteht, wird man sich den zurecht geäußerten Vorwurf des Neokolonialismus gefallen lassen müssen.
Es ist an der Zeit eine historische Ungerechtigkeit zu beseitigen, und die Gründung eines Staates für ein seit mehr als einem Jahrhundert und leider oft mit westlicher Hilfe unterdrücktem 40 Millionen Volk endlich als Chance für mehr Frieden und Demokratie in einer von Kriegen und Konflikten gebeutelten Region zu sehen.





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Afrikas Grenzen


Sonntag, 1. Dezember 2013

Als die Armenier aus Maraş nach Uruguay flohen (Übersetzung von Ferda Çetins Artikel "Maraş'tan Uruguay'a Kaçabilen Ermeniler")

Beim hier vorliegenden Text handelt es sich um eine Übersetzung aus dem Türkischen.
Der Artikel wurde ursprünglich von Ferda Çetin verfasst und kann im Original unter folgendem Link gelesen werden:
"Maraş'tan Uruguay'a Kaçabilen Ermeniler" von Ferda Çetin

Uruguay liegt am anderen Ende der Welt. Der heutige Stand der Technik erlaubt es, das Land innerhalb gerade einmal eines einzigen Tages mit dem Flugzeug zu erreichen. Vor hundert Jahren gab es keine Alternative zu den Schiffen, auf denen die Überfahrt dorthin fünf bis sechs Monate dauerte, um die unüberbrückbar erscheinende Entfernung zu bewältigen. Vor einigen Jahren besuchte der Journalist M.Ali Doğan im Rahmen seiner Lateinamerikaberichterstattung auch Uruguay. Als er hörte, dass dort eine große Anzahl von Armeniern lebt, erforschte er ihren Werdegang, fand die Geschichte eines hundert Jahre andauernden Exils vor und beschloss eine Reportage darüber zu machen.

Die Mehrheit der heute 70 bis 80 jährigen Kindergeneration der Armenier aus Maraş kennt jedes Detail im Leben ihrer Väter und Mütter. Jeder von ihnen erzählt von Völkermord, dem Beginn der Jugend in einer Flüchtlingsfamilie und von persönlichen Tragödien.
Die Auswanderer bauten sich in Uruguay in neues Leben auf. Dennoch haben sie nichts vergessen. Was auch immer notwendig war, um die Erinnerungen am Leben zu halten, haben sie getan. Es gibt sehr aktive Vereine. An bestimmten Tagen kommen dort drei Generationen zusammen.
Die Vereine tragen den Namen „Maraşlılar Derneği“ („Verein derer, die aus Maraş kommen“). Ein alter Armenier fragt M.Ali Doğan, woher er denn komme. Als dieser „Ich komme aus Maraş“ zur Antwort gibt, bricht Jubel aus. “Maraşlı olsun çamırdan olsun!” (zu dt. in etwa: „Wer aus Maraş kommt, der muss aus Lehm gemacht sein“)
Einst waren die Menschen gezwungen aus ihrer Heimat zu fliehen und es hätte nahe gelegen, in einem Nachbarland Zuflucht zu suchen. Aber die Massaker und das gewaltsame Vorgehen, mit dem sich die Armenier konfrontiert sahen, waren derart grausam, dass sie an die weitest möglich entfernten und unerreichbarsten Orte flohen. Daher bevorzugten sie es, nach Uruguay, Argentinien oder die USA zu emigrieren. Sie setzten alles daran sich von Unterdrückung, Barbarei und Gnadenlosigkeit zu entfernen.
Trotz dutzender Regierungswechsel nach Stattfinden des Völkermordes an den Armeniern, erkennt der türkische Staat, einschließlich der AKP, den Völkermord an den Armeniern nicht an. Im Gegenteil, sie versuchen eine Geschichte von Türken mordenden Armeniern und zufällig zu Stande gekommenen Todesfällen bei Umsiedlungsmärschen zu erzählen. Sie versuchen darüber hinaus, die Welt glauben zu machen, die Zahl der massakrierten Armenier beliefe sich nicht auf 1,5 Millionen, sondern es sei plausibler die Opfer auf 350.000 zu beziffern, was eine entschuldbare Zahl darstelle. Offizielle staatliche Historiker schrieben hunderte von Büchern, um der Bevölkerung diese Lügen glauben zu machen. Jedoch zeigen die in den letzten Jahren in rascher Folge veröffentlichten Erinnerungen armenischer Autoren die ganze Absurdität dieser Opferzahldebatte und führen uns die Wahrheit vor Augen.

Der 1889 in Mezre (Provinz Elazığ) geborene Vahan Totovents beschreibt seine tragische Geschichte in “Yitik Evin Varisleri” (zu Deutsch: „Die Erben des verlorenen Hauses“):
„Als wir Kinder in der Silvesternacht darauf warteten, dass der Weihnachtsmann uns unsere Neujahrsgeschenke bringt, hat der Tod an unsere Tür geklopft, ich hielt die Hand meines Vaters.
Sie haben uns freundlich die Hände geschüttelt. Arm in Arm gingen wir aus dem Haus. Während des Marsches durch den strahlend weißen Schnee verloren wir uns aus den Augen. Diejenigen, die jetzt fort gingen, kehrten nie wieder zurück…Den Verlust von Rebeka, eine der Cousinen die Vahan Totovents am meisten am Herzen lag, beschreibt er wie folgt:
Rebeka, die Tochter meiner Tante, war ein kräftig gebautes, gesundes, fleißiges Mädchen vom Geiste eines Dichters. Selbst ihre großen, reinen blauen Augen schienen einen einzustürzen drohenden Himmel erneuern zu können. Dieser Himmel ist über den vorher noch gen Morgenröte in die Höhe schießenden weißen Lilien, die Rebeka angepflanzt hatte, eingestürzt. Rebeka wurde in die arabischen Wüsten deportiert. Die Sonne hatte Muttermale in ihre Stirn und Wangen eingebrannt. All das erfahren zu haben, hat mein Herz ausgebrannt. Rebeka! Die Greuel, die Du erlebt hast schreibend auf mich nehmend, verneige ich mich vor Dir. Nimm hiermit die Tränen Deines Bruders an…“

Hagop Mintzuri aus dem Dorf Armı bei Erzincan, beschreibt die Geschehnisse zwischen 1897 und 1940 in seinen „İstanbul Anıları“ (Erinnerungen aus Istanbul) folgendermaßen:
Im April des Jahres 1915 begannen die Deportation und Vertreibung der Armenier in Istanbul. Ich war damals noch dort als Soldat. Im Mai kamen keine Briefe mehr aus der Heimat. Zweimal sendete ich ein Rückantworttelegramm, doch eine Antwort blieb aus. Auf das dritte Telegramm kam folgende Antwort: „Sie sind nicht hier und befinden sich irgendwo auf einer unbekannten Route“. Mein Großvater Melkon war 88 Jahre alt. Meine Mutter Nanik war 55 Jahre alt, meine Kinder Nurhan, Maranik, Arahit und Haço waren 6, 4, 2 Jahre bzw. erst 9 Monate alt. Meine Frau Voğıda war 29 alt. Wie sollten sie einen Marsch durchstehen? Mein Großvater hätte es nicht einmal bis zum Brunnen von Suazeg geschafft. Temer , ein Kurde aus Gamıh war gekommen. Er war Bauer bei Lusnik, der Tante meines Cousins. Soweit ich mich erinnern kann, hat er die Felder um ihr Haus bestellt. Er sprach ebenso gut wie wir armenisch. Er brachte mir die Nachricht, dass alle Armenier am 4. Juni aus dem Dorf gebracht wurden. Er erzählte mir, dass sie noch die Türen ihrer Häuser und die Tür der Kirche küssten bevor, sie das Dorf verlassen mussten. Wenn einer der Nächsten in ihrem Haus stirbt, wünschten sie sich dann nicht wenigstens gemeinsam zu sterben? Könnten sie dann noch arbeiten? Wer könnte dann schon noch Tag ein Tag aus weitermachen und arbeiten? Ich war Soldat und ich war Befehlen untergeben. Müsste ich sie loslassen und mich damit abfinden?“

Mit den Erinnerungen von Hagop Mintzuri, möchten wir erzählen, wie er als einziges Mitglied seiner Familie übrig bleibt.
Die aus Maraş stammenden Armenier in Uruguay vermissen die Erde und die Menschen in der alten Heimat. Mit Worten wie “Maraşlı olsun çamırdan olsun“ erzählen sie uns das. Vahan Totovents aus Harput fasst die Liebe und die Sehnsucht nach seinem Geburtsort in folgende Worte: „In diesem alten Land ruft die Sonne die Früchte herbei, sie haucht der den Boden überziehenden unerschöpflichen Vegetation Atem ein; Flüsse plätschern, es dämmert gleichmäßig, bis die Sonne in den Armen der Abendlichter untergegangen ist; eine bis zum Rand mit frischer Milch gefüllte silberne Schale schwimmt auf blauem Wasser, die Nächte sind erfüllt von Geistern mit der Stimme der Sterne, die Bäume schweben gen Horizont und alle Blumen vibrieren säuselnd“ (Vahan Totoventes studierte in den USA, bevor es ihn in die Sowjetrepublik Armenien zog. Von Stalins Regime wurde er dort 1936-1937 ins Gefängnis geworfen. Danach hörte man nie wieder etwas von ihm).

Wir haben den Armeniern nichts als Völkermord und Grausamkeit angetan. Das hat unglaublich tiefe Wunden bei den Überlebenden verursacht. Die Menschen hier in diesem Land (Uruguay) haben wir mit endloser Einsamkeit bestraft. Das haben wir denen angetan, die unsere guten Nachbarn waren, und sie haben uns ohne Nachbarn zurückgelassen. Unser Misstrauen und ihre innere Unruhe verhindern, dass wir aus unserer Einsamkeit erlöst werden.


Portal de los armenios del Cono Sur - spanischsprachige Seite der Armenischen Diaspora in Uruguay

Freitag, 4. Oktober 2013

Antwort an Dr. Stefan Groß bzgl. seines Interviews mit Aurelia Grigoriu veröffentlicht in u.a. Tabularasa No.92 (10/2013)

Herr Groß,

mit großem Bedauern und Entsetzen musste ich feststellen, welch zweifelhafte Propaganda in unter folgendem Link veröffentlichten Interview zum Ausdruck kommt:
Interview mit Aurelia Grigoriu

Ist es Ihr Ernst, Aurelia Grigoriu nach solchen Äußerungen noch als Bürgerrechtlerin darzustellen?

Schon die knappen Ausführungen Grigorius zur Republik Moldau sind hochgradig fehlerhaft, da die transnistrische Frage weiterhin ungeklärt bleibt:
Die Stimme Russlands zum Transnistrienstreit

Was Grigoriu bzgl. des Karabkh- bzw. Artsakh- Konflikts von sich gibt, ist übelste Propaganda für den neofaschistischen Diktator von Aserbaidschan, Ilham Alliev. Man kann hier von keiner Besatzung sprechen. Die fragliche Region mit ca. 135.000 Einwohnern ist in der Gegenwart zu 99% armenisch besiedelt. Sie ist uraltes armenisches Siedlungsgebiet, wovon Bauwerke und Architektur dort zeugen. Zudem war der Status der Region war zu Sowjetzeiten nie wirklich geklärt.

Ich muss Sie an dieser Stelle auch an unter folgenden beschriebenen Sachverhalt erinnern:
Ramil Safarow und die Verehrung eines Mörders als Nationalheld in Aserbaidschan
Der Staat, den Frau Grigoriu hier als Opfer einer "armenischen Aggression" darstellt, kauft also mit Barrelldollars Mörder von Armeniern frei, um sie dann als Nationalhelden zu verehren.

Ramil Safarow ist ein verurteilter Mörder: Im Februar 2004 in Budapest, ausgerechnet bei einem Treffen der Nato-Partnerschaft für den Frieden, zerhackte der Leutnant der aserbeidschanischen Armee seinen armenischen Kollegen Gurgen Markarjan im Schlaf mit einer Axt. Im Prozess zeigte der Täter keine Reue und gab und zu, dass der Mann allein wegen seiner Nationalität hatte dran glauben müssen. Seine Anwälte gaben vor Gericht an, er sei seit dem Tod von Verwandten während des armenisch-aserbaidschanischen Kriegs um die Enklave Berg-Karabach traumatisiert. Safarow wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und saß die Strafe zunächst auch ab.
Quelle und Bild: Tagblatt; siehe auch: Artikel aus dem Tagblatt vom 06.09.2012 "In Ungarn wegen Mordes verurteilt und an Aserbaidschan ausgeliefert und dort als Held gefeiert: Der Fall eines Offiziers gefährdet die Stabilität im Kaukasus."

Des Weiteren macht Grigoriu ein System zum mutmaßlichen Opfer, dass jüngst noch folgendermaßen von sich Reden machte:
"Jetzt haben nicht irgendwelche Fanatiker sondern die staatstragende Partei „Moderner Musawat“ ein Preisgeld von umgerechnet 10.000 Euro für denjenigen ausgeschrieben, der dem Schriftsteller Akram Ailisli ein Ohr abschneidet. Ailisli nämlich hat sich auf frevelhafte Weise an der heiligen nationalen Feindschaft gegen die Armenier vergriffen. In seinem neuen Roman „Steinerne Träume“ schreibt er über die Gewalt, die seine Landsleute ihren armenischen Nachbarn zum Ende der Sowjetunion angetan haben." Bücherverbrennung und von der Regierung verordnete Hetzjagd gegenüber "zu armenierfreundlichem" Schriftsteller in Aserbaidschan

Schon an dieser Stelle kommt ein sehr fragwürdiges Opfer-Täter-Verständnis Grigorius zum Vorschein.

Während des Völkermords an den Armeniern im osmanischen Reich, waren es übrigens unter der Rassenideologie des Panturkismus gegen Russland fanatisierte aserbaidschanische Verbände, die noch nach 1915 und 1916 mit der osmanischen Armee mehrere hunderttausende Armenier im Kaukasus töteten.
Außerdem ist es vor dem Hintergrund der im Folgenden aufgeführten Geschehnisse eine unhaltbare und ungeheuerliche Geschichtsverfälschung von einer einseitig armenischen Aggression zu sprechen:

1988: Massaker der aserbaidschanischen Seite an 26 Armeniern in Sumgayit

1988: Armenierprogrom der aserbaidschanischen Volksfront von Kirowabad: 130 Todeopfer

1990: Progrome gegen Armenier in Baku, Xanlar, Schahumjan und Lenkeran mit mehr als 90 Todesopfern

Die Darstellung der Vorfälle von Khocaly 1992 ist höchstumstritten, da der humanitäre Korridor, den die armenischen Streitkräfte eingerichtet hatten, von der aserbaidschanischer Seite selbst nicht genutzt wurde. Der erste Präsident Aserbaidschans vermutete eine Beteilung der aserbaidschanischen Opposition und deren Milizen. Dazu die Journalistin Dana Mazalova:
„Ich möchte besonders betonen, dass Çingiz Mustafayev der einzige Kameramann war, der die dort umgekommenen Menschen aufgenommen hatte. Mitte März 1992 zeigte er mir in seinem Haus in Baku unbearbeitetes Videomaterial, welches er selbst im Februar 1992 im Vorgelände der Stadt Aghdam aufgenommen hatte. Aber die Bilder, die Mustafayev mir gezeigt hatte, haben nichts gemeinsam mit den Videos und Fotos, die die aserbaidschanische Seite der ganzen Welt als seine präsentiert.“
Oder Ajas Mutalibow, erster Präsident der Republik Aserbaidschan: „Ich bezweifle, dass die Armenier den Aserbaidschanern erlaubt hätten ihre Toten einzusammeln, wenn die Vorwürfe eines Massakers wahr wären.“
Weitere Links, die große Teile der türkisch-aserbaidschanischen Version wiederlegen:
1.)
Bericht zur Sicherheitslage im Kaukasus der Universität Lyon
2.)
Artikel zur Kontroverse bzgl. des Khocaly-Massakers 1
3.)
Artikel zur Kontroverse bzgl. des Khocaly-Massakers 2
4.)
Artikel zur Kontroverse bzgl. des Khocaly-Massakers 3
5.)
Artikel zur Kontroverse bzgl. des Khocaly-Massakers 4
6.)
Artikel zur Kontroverse bzgl. des Khocaly-Massakers 5

Natürlich gab es in diesem Krieg auf beiden Seiten Grausamkeiten, Mord und Vertreibungen. Ich greife aber bewusst die Schwachpunkte der von Grigoriu adaptierten aserbaidschanischen Propaganda auf, um die Unhaltbarkeit ihrer im Interview zum Ausdruck gebrachten Darstellung zu untermauern, die jedwede Objektivität vermissen lässt.

Was Grigoriu sich im armenischen Parlament geleistet hat, ist als würde ein ausländischer Politiker in der Knesset von israelischer Aggression gegenüber dem Iran sprechen oder als wenn man in Prishtina dem Kosovo das Recht auf Unabhängigkeit absprechen wollen würde.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Grigoriu keine Rückdenckung von der moldawischen Regierung bekommt. Diese weiß offenbar ganz genau, 1.) in welches dünne Glashaus sie angesichts der Transnistrienfrage katapultiert würde und 2.) um die historischen Unwahrheiten sowie die menschenverachtende Aggressionspolitik des neofaschistischen Unterdrückerregimes des mittlerweile in zweiter Generation herrschenden Alliev-Clans in Aserbaidschan.
Nicht die moldawische Presse lässt, ich zitiere Grigoriu "Grundprizipen der selektiven Berichterstattung vermissen", vielmehr tut Grigoriu dies selbst.
Ja, die moldawische Presse stellt zurecht Grigorius moralische Integrität in Frage.
Und nochmal ja, sie hat dem Ruf ihres Landes in der Tat Schaden zugefügt und sich in ihrer Rolle als Ombudsfrau extrem unprofessionell verhalten.
Dieser Sachverhalt spricht wiederum für einen gewissen Wahrheitsgehalt ihrer dennoch fehlerhaften und im Interview recht schnell abgehandelten Analyse ihres Heimatlandes, den sie aber selbst wahrscheinlich unbewusst negiert.

Sie lässt die heute armenisch dominierte Bevölkerungsstruktur ebenso wie das Volksreferendum, in die Unabhängigkeit von der Öldiktatur am Kaspischen Meer beschlossen wurde, völlig außer Acht und adaptiert die politische Position eines totalitären Regimes.
Sie liefert darüber hinaus mit Ausnahme, der ihr angeblich wiederfahrenen Drohungen, keinerlei Argumente für Defizite der Demokratie in Armenien.
Es sei bemerkt, dass die Ausreise, die ihr angeblich so schwer gemacht wurde, doch temporal sehr rasch von Statten ging...
Über ihre Beweggründe für diese historischen Falsifikationen und Propaganda, kann man nur mutmaßen.
Jedoch fällt mir dazu spontan folgender Artikel ein:
„The group published its findings in a May report titled "Caviar Diplomacy, How Azerbaijan Silenced the Council of Europe."
There has been a very conscious strategy of systematically inviting large numbers of parliamentary assembly members to various events in Azerbaijan," says ESI's director Gerald Knaus. "There has been a policy of gift-making. There has also, of course, been legitimate political lobbying. The end result has been a disastrous abrogation of the Council of Europe's core mandate, which is to criticize member states if they don't fulfill their obligations.
Knaus, Von Cramon, and others say Azerbaijan's aggressive lobbying is threatening PACE and undermining its credibility.”
Berichte von Mitgliedern des Europarats zu Bestechungsversuchen aserbaidschanischer Repräsentanten

Ein weiteres Indiz für die Unsachlichkeit und den naheliegenden Einfluß des aserbaidschanischen Propagandaapparats auf Frau Grigoriu, ist die Tatsache, dass sie das Interview nutzt, um neben dem armenischen Parlament auch die Diaspora diffamieren zu wollen.
Das ist deswegen so markant, weil es in dem Interview ursprünglich um Demokratieentwicklung in Armenien und Moldawien gehen sollte.
Wie bereits erwähnt wird Moldawien sehr schnell und fragmentär abgehandelt, wobei sich Grigoriu diesbezüglich an späterer Stelle sogar noch selbst widerspricht.
Was folgt ist die einseitige und vollends unkritische Wiedergabe der völkischen Alliev-Propaganda sowie eine nicht nachprüfbare und zweifelhafte persönliche Geschichte, die, das sei nocheinmal betont, wie die Angriffe gegen die Diapora, in keinster Weise dem angekündigten Thema des Interviews zuträglich ist.
Das Interview ist vollends zu einem plumpen Propagandaschlag verkommen, den jeder mit einem Hauch an Hintergrundwissen schnell durchschaut.
Letztendlich wird mit keinem Wort auf, für die Bewertung eines Landes mit Ambitionen zum demokratischen Rechtsstaat typischen Kriterien (Rechtsstaatlichkeit, Ausrichtung freier Wahlen, Parteienvielfalt, Pressefreiheit, Existenz und Umsetzung einer freiheitlich-demokratischen Verfassung, etc.) eingegangen, sondern lediglich die Doktrin eines diktatorischen Regimes zum verhassten Nachbarn heruntergebet.
Hätten Sie die o.g. Punkte angesprochen, Herr Groß, wäre das Resultat gewesen, dass Armenien ein junger Staat ist, der sich in Demokratie versucht und dabei mit den für ehemalige Sowjetrepubliken üblichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Den baltischen Staaten, Moldawien oder der Ukraine geht es da nicht anders. Einen Vergleich diesbezüglich mit dem totalitär geführten Aserbaidschan muss Armenien jedoch sicherlich nicht fürchten.
Um dies festzustellen genügt ein Blick auf die Infoseite des Auswärtigen Amtes. Dort heißt es zum Staat zwischen Kaspischen Meer und Kaukasus u.a.:
1.) "Der Präsident besitzt das Vorschlagsrecht für die Ernennung von Richtern des Verfassungsgerichts, des Obersten Gerichtshofs und des Wirtschaftsgerichts durch das Parlament sowie die Ernennung der übrigen Richter."
2.) "Die letzten Präsidentschaftswahlen am 15.10.2008 hat Amtsinhaber Ilham Aliyev offiziell mit knapp 89 Prozent gewonnen."
3.) "Gleichwohl unterliegen Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit erheblichen Einschränkungen."
4.) "Die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat am 23.01.2013 mit großer Mehrheit (196:13:16) die Resolution 1917 (2013) verabschiedet. Die Resolution enthält eine Reihe von Kritikpunkten betreffend Demokratie, Rechtswesen, Korruption, politische Gefangene, Folter, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Gewissens- und Religionsfreiheit."
Info des Auswärtigen Amtes zu Aserbaidschan
Solche eindeutig undemokratische Strukturen attestierende Sätze sucht man in der Info zu Armenien vergeblich und ein bloßer Vergleich der Wahlergebnisse und parteilichen Mehrheitsverhältnisse genügt, um festzustellen dass Ihr einleitender Satz zur letzten Frage an Aurelia Griguriu eine gezielte Desinformation des Lesers darstellt.
Info des Auswärtigen Amtes zu Armenien

Dr. Groß, als kritischer Interviewer hätten Sie Aurelia Gregoriu zumindest auch Fragen zur Lage in Aserbaidschan stellen müssen.
Es wäre, sollten Sie Wert auf Ihre Neutralität legen, Ihre Pflicht gewesen, Aurelia Grigoriu, eine Bewertung der Affäre um den Axtmörder Ramil Safarow, sowie der Bücherverbrennung von Werken des Autoren Akram Ailisli und dessen politischer Verfolgung sowie der Verfolgung zahlreicher weiterer Oppositioneller wie etwa Emin Milli oder Elnur Majidli, und den Einfluß dieser Ereignisse auf eine etwaige Neubewertung des Konflikts der beiden Staaten, zu entlocken, bezieht sich Grigoriu doch diesbezüglich nur auf nunmehr zehn Jahre alte Resolutionen, die längst hätten überarbeitet werden müssen.
Dieser Pflicht kommen Sie nicht nach, stattdessen leiten Sie Ihre Frage zur menschrechtlichen Situation in mit folgendem Satz ein:
"Seit 1.Januar 2012 ist Aserbaidschan nicht-ständiges Mitglied im UN Sicherheitsrat und wird der Tradition von Menschenrechten in Europa gerecht."
- In Anbetracht der o.g. Tatsachen muss ernsthaft an Ihrem Verständnis von Demokratie und Rechtstaatlichkeit gezweifelt werden.

Ich möchte Ihnen abschließend noch die Lektüre des folgendes Interviews vom Standard mit Emin Milli ans Herz legen:
Interview mit dem aserbaidschnischen Oppositionellen Emin Milli

Außerdem sollten Sie sich die unter nachstehendem Link abrufbare ARTE-Dokumentation über Elnur Majidli ansehen, bevor Sie wieder solche Behauptungen aufstellen:
ARTE Dokumentation über den Kampf der im Pariser Exil lebenden aserbaidschanischen Oppositionellen Elnur Majidli

Mfg
Julian Tumasewitsch W.

Montag, 1. Juli 2013

Sieg der Öldiktatur oder der Gerechtigkeit? - Kommt ein Diktatorenfreund und Lobbyistenfan in der UNO seinen Gönnern zu Hilfe?

Es klingt fast zu schön um wahr zu sein, doch laut der Neuen Zürcher Zeitung ist es in der Tat Realität. Eine Vielzahl von liberalen Schweizer Politikern kämpft Seite an Seite mit armenischen, kurdischen und jüdischen Verbänden für die Errichtung eines Mahnmals gegen die größten Verbrechen in der jüngeren Geschichte der Menschheit (vgl.:http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/uno-opponiert-gegen-geplante-armenier-gedenkstaette-in-genf-1.18107791).
Doch neben der üblichen Rumpelstillzchenposse seitens der türkischen Regierung, die sowohl bei liberalen türkischen Intellektuellen an den freien Universitäten des Landes als auch beim Who-is-Who der internationalen Historiker für Nichts außer Unverständnis und Kopfschütteln sorgt, stellt sich nun überraschenderweise UNO quer, bzw. vielmehr interveniert ihr Generaldirektor, Kassym-Jomart Tokajev.
Nun ist es an der Zeit sich zu fragen, wer dieser Herr eigentlich ist.
„Zeig mir, mit wem du dich umgibst, und ich sag dir ... ... wer du bist“, bei genauerer Betrachtung des Wirkens der Person Tokajev kommt diesen alten Sprichwort eine ganz besondere Bedeutung zu.

Tokajev ist früherer Premier- und Außenminister Kasachstan und wurde 2011 von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon zum Generaldirektor der Vereinten Nationen in Genf ernannt.
Nicht erst seit dem Beginn seiner Amtszeit fällt bei Tokajev ganz stark seine kritiklose Affinität zu Aserbaidschan, der nationalistisch-neofaschistischen Erbdiktatur am mit reichen Ölvorkommen gesegneten Kaspischen Meer, die sich nun in zweiter Generation im Würgegriff des Aliyevclans befindet, auf.
So eröffnete er am 9.Mai 2013 eine Kunstausstellung mit Gemälden von u.a. aserbaidschanischer Maler (http://www.azernews.az/culture/53564.html) und adressierte seinen besonderen Dank an den Botschafter des repressiven Alliyev-Systems und bekam dafür in dessen staatlich kontrollierter und zensierter Presse bereits ein sehr positives Echo.
Ebenfalls im Mai dieses Jahres partizipierte Tokajev an vorderster Front bei der Ehrung des Begründers des diktatorischen aserbaidschanischen Familienregimes, Haydar Aliyev, dessen Sohn Ilham seit dem Tod des Vaters im Jahre 2003 die Macht im Staat zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer von ihm erhalten hat (vgl.:http://www.azernews.az/azerbaijan/53705.html)

Die Aliyevsche Regimepolitik kennt in Wesentlichen vier Säulen, die erste Wirtschaftliche ist die nahezu vollständige Abhängigkeit von den Ölvorkommen im Kaspischen Meer vor der Küste Bakus. Damit einhergehend ist ein starker Zentralismus, der nur einen kleinen in der Hauptstadt ansässigen, regimetreuen Bevölkerungsanteil Zugang zum durch das schwarze Gold entstandenen potenziellen Wohlstand gewährt. Darin weißt das Land große Äquivalenzen zu den ebenfalls von autoritären Diktatoren geführten und 100% ölabhängigen Golfstaaten auf.
Die zweite Säule ist ideologischer Natur und besteht in der Einschwörung auf den türkischen Nationalismus.
Die dritte ist, und das sollte jeder, der die Berichterstattung im Vorfeld des Eurovision Song Contests verfolgt hat, noch im Kopf haben, die ständige Bespitzelung sowie die gewaltsame Zerschlagung der ohnehin nur marginal ausgeprägten oppositionellen Strukturen im Land.
Als vierte Säule ist ein massiver wirtschaftlicher Protektionismus zu nennen, der die wenigen mittelständischen nicht-staatlichen systematisch am Wachsen durch Teilnahme am internationalen Markt hindert, da er ihnen grundsätzlich schon verbietet mehr als umgerechnet ca. 1000€ pro Woche ins Ausland zu transferieren, was aufgrund des staatlich kontrollierten Bankenwesens und dessen astronomisch hoher Auslandsüberweisungsgebühren ohnehin nur durch die Präsenz von Western Union überhaupt ein wenigen Fällen einen Sinn macht.

Eine ausführliche Analyse des diktatorischen Systems Aliyev findet sich unter nachstehendem Link:http://madlens-blog.blogspot.de/2012/01/acht-blickwinkel-aserbaidschan.html
Was gibt es bitte positiv an einem solch fragwürdigen Lebenswerk bzw. Vermächtniss eines lupenreinen nationalistischen Diktators durch einen ranghohen UNO-Repräsentanten, zu würdigen Herr Tokajev?
Tokajev war als Mitglied der kasachischen und des kasachischen Parlaments lange vor seiner Berufung zur UNO nach Genf als Förderer der Ölindustrie bekannt, welche enge Kontakte zur Erbdiktatur am Kaspischen Meer unterhält.
(vgl.: http://iwep.kz/uploads/files/biblioteka/books/Kazakhstancy_o_pervom_presidente_RK.pdf sowie http://www.newsline.kz/news.php?y=2008&m=09&d=16)
So ist es wenig verwunderlich, dass er auch nun in Genf gerne gesehener Gast bei Festivitäten der ständigen diplomatischen Vertretung des Aliyev Clans ist und dafür ein ums andere Mal und besonders im Frühjahr 2013 wie kaum ein anderer ausländischer Politiker mit positiven Pressefeedbacks der staatlichen kontrollierten und zensierten Presse der Aliyevschen Erbdiktatur bedacht wird.
(vgl. u.a. „The opening ceremony of the Cultural Night was addressed by the Deputy Minister of Culture and Tourism of the Republic of Azerbaijan Madame Sevda Mammadaliyeva and the Director-General of UN Office at Geneva Mr. Kassym-Jomart Tokayev. Mr. K.Tokayev expressed his gratitude and appreciation to the Permanent Mission and in particular Ambassador, Permanent Representative Dr. Murad N.Najafbayli for the organization of the International Day of Nowruz and Azerbaijani Cultural Night.” (http://www.azmission.ch/xeberler/20130404070214088.html)
Wenn ein eigentlich der Neutralität verpflichteter UN-Repräsentant derart oft und durchweg positiv mit Lob von den staatlichen Medien eines totalitären Regimes überseht wird, ist dies sehr verdächtig.
Der Einfluss regimegestützter aserbaidschanischer Lobbys und deren Barreldollars hat in Person von Tokajev nun offenbar die UNO erreicht.

In Europa sind diese Einflüsse bereits länger bekannt und äußern sich ansonsten dadurch verurteilte Mörder von schlafenden Armeniern aus anderen Staaten freizukaufen, um sie anschließend Nationalhelden zu verehren:
Am 18. Februar 2004 kauft sich der aserbaidschanische Soldat Ramil Safarov eine Axt. Er ist mit Militärangehörigen aus anderen Ländern in Budapest, um an einem Nato-Fortbildungsprogramm teilzunehmen. In der übernächsten Nacht nimmt er die Axt, geht ins Zimmer eines schlafenden Teilnehmers aus dem verfeindeten Nachbarland Armenien und erschlägt ihn im Schlaf. Die Obduktion wird ergeben, dass er ihn sechzehn Mal im Gesicht trifft und den Kopf fast vom Rumpf trennt. Danach macht sich Safarov auf den Weg, einen weiteren armenischen Soldaten im Gebäude zu töten. Bevor er in dessen Zimmer eindringen kann, wird er von der Polizei verhaftet. Ein ungarisches Gericht verurteilte Safarov 2006 zu lebenslänglicher Haft. Frühestens 2036 sollte er begnadigt werden können. Der Richter begründete das Urteil mit der Brutalität der Tat und dem Fehlen jeder Reue.“ (http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ein-aserbaidschanischer-held/)

Außerdem sollen Berichte über die zahlreichen politischen Gefangenen, die Repressivität des totalitären Regimes untermauern, durch aufdringliche Bestechungsversuche gezielt von europäischen Gremien und der europäischen Öffentlichkeit fern gehalten werden:
The group published its findings in a May report titled "Caviar Diplomacy, How Azerbaijan Silenced the Council of Europe."
There has been a very conscious strategy of systematically inviting large numbers of parliamentary assembly members to various events in Azerbaijan," says ESI's director Gerald Knaus. "There has been a policy of gift-making. There has also, of course, been legitimate political lobbying. The end result has been a disastrous abrogation of the Council of Europe's core mandate, which is to criticize member states if they don't fulfill their obligations.
Knaus, Von Cramon, and others say Azerbaijan's aggressive lobbying is threatening PACE and undermining its credibility.
” (http://www.rferl.org/content/pace-azerbaijan-political-prisoners-lobbying/24730257.html)

Kritische Worte für solche Initiativen seiner alten Ölfreunde vom Alievregime sucht man bei Kassym-Jomart Tokajev genauso vergeblich, wie eine Distanzierung von der Kopfgeldaussetzung sowie dem Mordaufruf seitens des Aliyev Regimes gegen den Schriftsteller Akram Aylisli und die staatlich geförderte Bücherverbrennung in Aserbaidschan:
„Gegen den 75-jährigen Schriftsteller Akram Aylisli läuft derzeit eine Hetzjagd in Aserbaidschan. Ein Kopfgeld wurde verhängt, seine Bücher verbrannt, die Rente gestrichen und zum Mord gegen ihn aufgerufen. All' dies erfolgt nicht durch eine kleine rassistische Randgruppe, sondern durch den Diktator Ilham Aliyev persönlich, seiner Regierungspartei und der "modernen" Oppositionspartei."
(http://www.der-kosmopolit.de/2013/02/bucherverbrennung-und-hetzjagd-gegen.html)

Angesichts dieser Tatsachen ist es nur wenig verwunderlich, dass Tokajev sich zum Vorreiter der „Bedenken“ gegen das geplante Mahnmal, welches zwar armenische Inschriften aber nicht einmal „das heikle G-Wort“ enthält.

Neben der Türkei opponiert auch immer wieder deren kleiner Bruderstaat Aserbaidschan gegen jegliche Thematisierung der Verbrechen gegen das armenische Volk. Die engen Beziehungen, die Tokajev seit Jahren zu dessen Vertretern unterhält, scheinen direkten kausalen Zusammenhang zu seiner Einmischung in den Denkmalbau zu bilden.

Auch dass Herr Tokajev auch im eigenen Land wenig mit demokratischen Kräften anfangen konnte und gerne mal für einen Diktator in die Bresche springt, ist Kennern der Region bekannt: "K.-Z. Tokajew nahm an den Repressionen gegen die demokratischen Kräfte in Kasachstan teil. Am 20. November 2001 hält K. Tokajew auf Antrag des Präsidenten eine Fernsehansprache (Kanal Khabar-Kanal), in der er sich an den Präsidenten Nasarbajew wendet und ihn darum bittet, einige Regierungsmitglieder und einige Beamten, darunter Mukhtar Ablyazov, Galymzhan Zhakiyanov, Oraz Dzhandosov und andere, die sich in einem Land, in dem sich die politische Bewegung zugunsten einer „demokratischen Wahl Kasachstans‟ entwickelte, für die demokratischen Reformen ausgesprochen hatten, zu entlassen.

Nach der Einleitung der Strafverfolgung in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten Amerikas 1999 gegen den kasachischen Präsidenten und seines engsten Entourages (diese aufsehenerregende Korruptionsaffaire wurde Kazahkgate genannt) beauftragt Nasarbajew Tokajew damit, alle Mittel einzusetzen, um die Untersuchung fallen zu lassen – alle notwendigen politischen, ökonomischen und andere Schritte sind nützlich, um dieses Ergebnis zu erzielen. Tokajew wird auch damit beauftragt, für Nasarbajew einen neuen Anwalt zu finden. Zwischen 2002 und 2003 ist K. Tokajew mehrmals in die Schweiz gekommen, um das Problem mit den Schweizer Behörden zu lösen."
(http://www.viktor-khrapunov.com/de/publikationen/vk-13/)

Herr Tokajev, Sie haben durch diesen erwartbaren aber unglaublich dummen Steinwurf ein riesiges Loch in ihr dünnes Glashaus geworfen.